Start in ein neues Leben auf Zeit

Abitur bestanden, nie wieder Schule – und was jetzt? Studium, Ausbildung, soziales Jahr, Ausland? Für mich stand zum Glück schon länger fest, dass ich nach der Schule nach Australien will, darum kann ich mir die Gedanken um „Studium: Was? und Wo?“ noch für nächstes Jahr aufheben. Eigentlich war mein Plan Work & Travel zu machen, aber für ein Jahr in Hostels zu leben und daher ohne richtiges  „Zuhause“ zu sein und dann soll es ja als Frau allgemein schwieriger sein, Jobs auf den Farms zu bekommen. Nein, das hörte sich nicht passend an. Au-pair in Australien zu werden, dafür umso besser! Was das ist?

Ich lebe für einen bestimmten Zeitraum in einer Familie und betreue die Kinder, wofür ich im Gegenzug in die Familie integriert werde, an deren Leben teilhaben darf und natürlich auch Taschengeld bekomme. (Was in meinem Fall theoretisch für spätere Reisen gespart werden soll, aber die Betonung liegt da wirklich auf theoretisch) Jedenfalls hörte sich für mich die ganze Idee dahinter perfekt an. Ich bin ein Familienmensch, reise gerne, bin offen für Neues und spätestens seit mein kleiner Lieblingsmensch Minou auf der Welt ist, haben es mir vor allem kleine Kinder angetan.

Bayside-Australia-Lisa

 

Da war also der Plan. Und nun hieß es die perfekte Gastfamilie finden. Und wie? Entweder ich poste einfach in ein paar Facebook Gruppen („Au Pair Australia“ etc.), melde mich bei einer Organisation an oder mache alles über aupairworld.com selbst. Facebook erschien mir zu unseriös (was sich im Nachhinein als unbegründet erwiesen hat), das Preis-Leistungs-Verhältnis bei einer Organisation stimmte meiner Meinung nach auch nicht wirklich und ich wollte nach 13 Jahren in der Schule und zuhause einfach nicht schon wieder die Verantwortung abgeben, für mich sollte das einfach „mein Ding“ sein. Also habe ich mir ein Profil auf aupairworld.com gemacht und erst mal abgewartet. Nicht viel später kam die erste Nachricht: Eine Familie in Melbourne mit drei kleinen Kindern interessierte sich für mich. Das klang ja eigentlich ganz gut! Also haben wir Skype Dates ausgemacht und Samstag und Sonntag direkt geskyped. (Oh ja, die Aufregung war groß!) Und scheinbar war in meinem Fall die erste Familie schon die Richtige. Familiäre Atmosphäre, relativ zentral, süße Kinder und, und, und..

Schön wär’s! Durch den größten Zufall der Welt habe ich dann jemanden kennenglernt, der Au-pair in eben genau dieser Familie war und dann wurde ich leider mit der Realität konfrontiert: Alles gelogen und wie sich im Nachhinein herausgestellt hatte, ist diese Familie hier allgemein bei den Au-Pairs für ihren schlechten Ruf bekannt. Naja… Nachdem die anfängliche Enttäuschung überwunden war, habe ich der Familie abgesagt und weitergesucht. Aufgeben ist nicht!

Was mir das fürs weitere Suchen gebracht hat? Egal, wie nett die Familie scheint, vergleichen musste ich mit anderen. Gesagt, getan. Ein paar Familien haben mir geschrieben, ein paar habe ich angeschrieben. Letztendlich habe ich noch mit drei Familien geskyped und ich muss ehrlich sagen, dass alle drei Familien einfach grundsätzlich sympathischer waren, als die Erste. Obwohl wirklich alle nett und herzlich wirkten und mich auch die anderen beiden Familien gerne aufgenommen hätten, wusste ich bei meiner jetzigen Gastfamilie, dass das am besten passen würde und ich muss sagen, ich war nach meiner Entscheidung lange nicht mehr so angespannt, ob sie sich denn auch für mich entscheiden würden. Aber ja, das haben sie und jetzt bin ich hier! Glückliches Au-pair in einer herzlichen und absolut liebenswerten Gastfamilie.

Natürlich hat mich das abgeschreckt, wie schlimm es gewesen wäre, in eine Familie zu kommen, in der ich weder willkommen bin, noch integriert werde und dass ich mir letztendlich nie sicher sein kann, dass alles gut geht. Andererseits erinnert es mich aber auch daran, dass ich keine unrealistischen Vorstellungen haben sollte und dass – auch wenn es nicht alles perfekt läuft – ich einfach immer das Beste aus der Sache machen muss und die Zeit egal wie es kommt, genießen sollte. Mit meiner jetzigen Gastfamilie hatte ich permanent Kontakt, entweder über WhatsApp oder Skype, sie haben so auch einen Teil meiner Familie kennengelernt und durch die vielen Gespräche, war alles gar nicht mehr so fremd.

Melbourne

Aber kommen wir zurück zum Ablauf: Nachdem das Visum bestätigt wurde, der Flug gebucht, die Versicherung abgeschlossen war und ich das Abschied nehmen hinter mir hatte, ging es am 27. Juni 2016 um 21.55 Uhr von Frankfurt über Singapur nach Melbourne und ich muss sagen, ich habe mich in meinem ganzen Leben noch nie so sehr auf ein Bett und Schlaf gefreut. Zwei Tage vor Abflug hatte ich meinen Abiball, dazu kam die Aufregung, die die Nächte sowieso kurz gemacht hat, dann der Flug… Als ich in Singapur auf meinen Anschlussflug gewartet habe, hätte ich wahrscheinlich alles für ein Bett gegeben.. Egal, die Müdigkeit war spätestens in dem Moment verflogen, als ich in Melbourne mein Gepäck abgeholt habe und durch die Tür in die Eingangshalle gekommen bin, wo ich zum ersten Mal persönlich vor meinen Gasteltern stand. Ich wurde sehr herzlich mit einem riesigen Kaffee begrüßt (mein Hauptnahrungsmittel an diesem Tag) und dann ging es zum ersten Mal Richtung „Zuhause“. Passend zur Müdigkeit und meiner vollen Blase sind aus 15 Minuten Fahrt auf der Strecke heute ausnahmsweise mal 50 geworden, was mir nach der Reise aber in dem Moment nicht mal halb so lange vor kam.

Australian forest

Zuhause wurden wir von meinen hostkids – zwei kleinen Jungs, die 11 Monate und 3,5 Jahre alt sind – und dem vorherigen Au-pair empfangen und es wurde direkt losgespielt. Wir haben versucht mich trotz des schlimmsten Jetlag den man sich vorstellen kann, direkt in die Alltagsroutine zu integrieren und ich muss sagen, Kaffee, frühes zu Bett gehen und noch mehr Kaffee haben es geschafft, dass ich nach ca. einer Woche drin war. Mein Tag beginnt jetzt unter der Woche morgens um 8 mit einem gemeinsamen Frühstück, anschließendem umziehen der Jungs und Zähne putzen – einige von euch werden sicher verstehen, dass das alleine auch mal zwei Stunden dauern kann -, bis es dann gegen 12 Uhr Mittagessen gibt, wird die Zeit dazwischen im Park, im Zoo, in der Library zur Rhyme Time, auf real-life oder digitaler Pokémon Jagd (nicht meine Idee, versprochen!), in pretend (so tun, als ob) Dinosaurierlandschaften, mit pretend Rettungsversuchen aus der gefährlichen Lava oder auch mal in einer Landschafft cubby houses (Spielhöhlen) verbracht. Dazu kommt ein Obstpicknick im Park oder ein pretend Picknick Zuhause zwischendurch. Ja, pretend höre ich hier öfters. Ich erinnere mich noch gut an das erste Mal als ich ganz aufgeregt aufgefordert wurde, das „(pre)tend water“ in den „tend ocean“ zu kippen und den Kleinen ein wenig hilflos angesehen habe. Kreativ ist er definitiv, was mich in der digitalen Welt, die ja leider auch schon kleine Kinder sehr stark beeinflusst, noch mehr begeistert und zudem macht es meinen Alltag einfach witzig und allgemein abwechslungsreich, denn aus „Have you seen the dangerous crab hiding behind the tree?“ („Hast du die gefährliche Krabbe gesehen, die sich hinter dem Baum versteckt?“) wird dann einfach mal eine zweistündige Verfolgungsjagd durch die örtlichen Parks hinter einer „tend crab“ her. Und das Baby? Auf meinem Arm immer mit dabei, solange sein großer Bruder glücklich ist, ist er es auch.

Australian beach

 

Durch die Kreativität der Kleinen habe ich eigentlich jeden Tag viel zu lachen und am besten ist natürlich, dass ich zu 100% in jedes Spiel eingebunden werde, daneben sitzen und aufpassen, ist hier ganz und gar nicht. Aber es ist auch irgendwie süß, von kleinen Kindern zum Geburtstag eingeladen zu werden, weil sie einfach gar keinen Unterschied in Größe und Alter machen. Wo sie natürlich irgendwo auch recht haben.

Wie es rückblickend mit der Sprache geklappt hat? Naja, ich hatte Englisch als Leistungskurs und mein Cambridge Certificate in Advanced English gemacht. Eigentlich perfekt vorbereitet, oder nicht? Nicht unbedingt. Ich würde mal sagen, am schwierigsten war wohl der Akzent kombiniert mit der Tatsache, dass einfach jeder so schnell redet. Die ersten 2,3 Wochen musste ich nicht selten mindestens einmal nachfragen, was da gerade gesagt wurde, weil ich einfach aufgrund der Aussprache nicht ein Wort verstanden habe. Mittlerweile kann ich ganz stolz feststellen, dass ich 95% sicher verstehe und die restlichen 5% denke ich mir halt dazu.
Egal, ob Sprache, Orientierung oder die Eingewöhnung in den Alltag, es kommt alles nach und nach und plötzlich denkt man ein paar Wochen zurück und ist stolz auf die eigenen Fortschritte. Auf einmal wird alles so „normal“ und das fühlt sich wirklich richtig gut an! Eben wie ein Zuhause am anderen Ende der Welt.

Mehr von Lisa findet ihr bei Instagram und auf ihrem Blog!

Hallo, ich bin Melli, an meiner Seite sind der kleine Louis und mein Mann Björn. Bevor ich Mama wurde, habe ich Modejournalismus studiert und arbeitete anschließend in einer Promi-Redaktion. Gab es zu der Zeit für mich nichts Spannenderes als: „Welches Kleid trägt XY zu den Oscars“ und „Hat Promi ZZ tatsächlich eine Affäre“, interessiere ich mich heute brennend dafür, wann unser kleiner Mann seine ersten Schritte macht und ob Pampers Baby Dry Night wirklich länger trocken halten?! Louis ist eindeutig der Star in unserem Haushalt und wie es sich für eine richtige Diva gehört, hat er sich Zeit gelassen, in unser Leben zu treten. Erst, als ich schon daran zweifelte, dass bei uns alles auf natürlichem Wege laufen würde, passierte „es“ in einer feucht-fröhlichen Nacht. Und so begann die aufregendste Reise meines Lebens… Jetzt ist der kleine Keks schon ein Kleinkind und hat unser Leben bereits ordentlich auf den Kopf gestellt.