Kinder sind ja durchaus auch dafür bekannt, dass sie gern mal mit einer Überraschung aufwarten. Im besten Fall ist dies eine gute. Wenn du jedoch nachts wach wirst, weil dein Kind urplötzlich heftigst um Luft ringt, so ist das eine Überraschung, auf die du unbedingt verzichten möchtest.Wir kannten die Erkrankung Pseudokrupp bis dahin bestenfalls vom Hörensagen. Bis zu dieser einen Nacht, in der sie uns das erste Mal heimsuchte. Unter diesem Krankheitsbegriff versteht man eine Entzündung der Schleimhaut im Bereich des Kehlkopfes. Eine Entzündung ist zumeist mit einer Schwellung verbunden. Da die Atemwege bei kleinen Kindern naturgemäß noch sehr schmal sind, kann diese eine starke Atemnot zur Folge haben. Das einzig positive an dieser Erkrankung ist: sie „verwächst“ sich, wenn die Kinder größer werden.

Der Junior war gerade eineinhalb Jahre auf dieser Welt und erfreute sich bester Gesundheit. Bis auf immer mal wiederkehrende übliche Krankheiten. Die sie nunmal ab dem Zeitpunkt regelmäßig nach Hause bringen, wenn sie in die Kita gehen. An diesem Abend war alles wie immer. Wir hatten einen schönen Tag, haben zu Abend gegessen und den Kleinen ins Bett gebracht, wo er nach dem üblichen „Programm“ friedlich einschnuffelte. Er schlief zu dieser Zeit noch bei uns im Schlafzimmer, in seinem Beistellbettchen. Gegen 22 Uhr wurden wir durch ein Geräusch von der Couch gerissen, was uns bis heute verfolgt. Uns erschaudern lässt, sowie wir dran denken.

Das erste Mal vergisst Du nie. Auch in diesem Fall. Der Herkunftsort des Geräusches war schnell lokalisiert. Der kleine Mann rang um Luft. Es war deutlich zu hören, dass er arge Probleme hatte. Er quälte sich, hatte Panik. Ein Gefühl, was er bis dahin niemals kennenlernen musste. In seinem so sehr behüteten Leben. Um hier eine Notsituation zu erkennen, brauchte es keine medizinische Vorbildung. Dass dieser Zustand auch als Schafhusten bezeichnet wird, erfuhren wir weit später. Und obwohl ich noch nie ein Schaf hab husten hören, fand ich den Begriff recht passend. Weil es so gar nichts von dem hatte, was man sonst von dem kleinen Menschen kannte. Es klang so völlig fremd, irgendwie nicht menschlich. Es war furchtbar. Auch, ihn so derart leiden zu sehen. Kämpfen zu sehen.Schnelles Handeln war erforderlich. Aber was tun? Wir wussten noch, dass kalte Luft helfen soll. Es war November. Es war kalt. Wir rissen das Kind aus dem Bett und trugen es auf den Balkon. Es wurde nicht besser. Was konnten wir noch tun? Wir wussten es nicht. Also: erstmal selbst panisch werden. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Völlig falsch, wie wir später erfuhren. Aber menschlich betrachtet wohl nur verständlich. Der Babymann hatte ganz offensichtlich Todesangst. Ohne zu wissen, was das überhaupt ist. Und ich brauch wohl nicht zu erklären, was das mit einer Mutter, einem Vater macht.

Die Mama hielt ihn im Arm, weil Mamas das nunmal so machen. Körperkontakt: das wohl beste Heilmittel überhaupt. Aber manchmal eben alleinig nicht ausreichend. Als zu spüren war, dass es definitiv nicht besser wurde, raffte ich hastig ein paar Sachen zusammen und wir fuhren ins Krankenhaus. Ich finde ja, sich zu entscheiden, den Weg in ein Krankenhaus zu wählen, verdeutlicht einem noch während der Fahrt so brutal, dass das Bein wirklich dick ist. Diese so schrecklich sterilen, „kalten“, doch immer viel zu hellen Krankenhäuser. Sie machen mir stets ein mulmiges Gefühl. Aber in der Situation waren eigene Befindlichkeiten völlig fehl am Platze. Dort angekommen, erkannten auch die Schwestern den Ernst der Lage und alarmierten den diensthabenden Arzt. Sie waren jedoch weitaus weniger überrascht als wir. Sie kannten diese Symptome – wohl Tagesgeschäft in der Notfallambulanz.

Erstmals fiel das Wort Pseudokrupp aus den Mündern des medizinischen Personals. Was wir ab diesem Zeitpunkt viel zu oft hören sollten. Was viel zu oft Teil unserer Erzählungen werden sollte. Und das bis in die heutige Zeit hinein. Wir wussten nun sicher, was er hat und das zur Diagnose passende Programm wurde abgespult. Der Kleine musste inhalieren. Sowohl Cortison, als auch Adrenalin. Er wurde stationär aufgenommen. Und wir blieben natürlich bei ihm. Da die Zimmer allesamt belegt waren, bereitete man uns ein Nachtlager im Spielzimmer der Kinderstation. Blöd nur, dass keiner von uns zu dem Zeitpunkt Bock auf Spielen hatte. Wir wollten eigentlich nur noch ein wenig schlafen. Zur Ruhe kommen. So gut das eben möglich war. Das Spielzimmer hatte eine breite Glasfront, durch die das Licht des hellen Flures auch diesen Raum erhellte. Es war alles so dermaßen absurd, dass wir das erste Mal in dieser Nacht mal wieder zumindest lächeln konnten. Der Zustand des Juniors war zu dem Zeitpunkt auch schon um einiges besser. Obwohl Luft immer noch Mangelware war. Jedes Einatmen augenscheinlich anstrengend erschien und von einem Pfeifton begleitet wurde. Aber wir fühlten uns recht sicher, in unserer Krankenhausburg. Und wir hatten das Gefühl, nicht „übertrieben“ zu haben.

Der Oberarzt der Kinderstation sagte uns, wir hätten absolut richtig gehandelt. Es war alternativlos. Denn sein Zustand war lebensbedrohlich. Nach seinen Aussagen wird der Pseudokrupp in vier Stufen klassifiziert. Der kleine Mann stieg direkt bei Stufe drei ein. Erschreckend. Und ernüchternd. Zeigten uns die Ereignisse doch auf, wie schmal der Grat zwischen gesunder, heiler Welt und schlimmstem denkbaren Fall leider ist. Wir blieben insgesamt drei Tage im Krankenhaus. Ich nur am Tage, die Mama auch nachts. Zwischenzeitlich konnten wir ein „normales“ Zimmer beziehen. An Tag drei schätzten wir den Zustand des Kindes derart ein, dass wir beschlossen, nach Hause zu gehen. Der Arzt hätte uns wohl gern noch ein wenig länger behalten, aber das mag auch an der privaten Krankenversicherung des Babymanns gelegen haben. Immerhin stand bis dahin schon ein vierstelliger Betrag auf der Rechnung. Für unsere Entscheidung fragten wir uns, ob wir mit dem Kleinen in seinem jetzigen Zustand in’s Krankenhaus fahren würden. Unter Berücksichtigung des bisherigen Verlaufs. Er spielte, lachte, tobte rum. Wir hatten keinerlei Zweifel an unserer Entscheidung. Zumal wir jederzeit binnen Minuten im Krankenhaus sein könnten, wenn es erforderlich wäre. Und wir bekamen ein Notfallmedikament an die Hand, was uns zusätzlich subjektive Sicherheit brachte. Also unterschrieben wir, dass der Arzt immer Recht hat, wir schlechte Eltern sind und brachten unser Kind nach Hause. Weil ein Krankenhaus für den Notfall zwar eine immens wichtige Sache ist, gesund werden jedoch am besten zuhause funktioniert. Da, wo man sich wohl fühlt. Wir führen keine Statistik, wie oft uns diese Anfälle von Krupphusten ereilen.

Ich kann jedoch einschätzen, dass wir heute sehr routiniert im Umgang mit dieser Krankheit sind. Mittlerweile weiß jeder von uns, was er zu tun hat. Für kalte Luft sorgen (im Sommer kann das auch bedeuten, vor dem geöffneten Kühlschrank zu sitzen), Notfallmedikament verabreichen, auf schnelle Besserung hoffen. Was bislang immer gut funktioniert hat. Als eine der wohl wichtigsten Verhaltensweisen sollte man beachten, dem Kind gegenüber Ruhe auszustrahlen. Und ja, das ist ganz sicher eine der schwersten Aufgaben. Eben nicht in gemeinsame Panik zu verfallen. Denn NUR wir sind doch diejenigen, die das so dringend notwendige Stück Sicherheit geben können. Die für das Kind stark sein müssen, wenn es das selbst nicht sein kann. Können wir das nicht vermitteln, dann macht es die Not für die Kleinen nur umso schlimmer. Also muss man sich nach außen gelassen geben, das Lieblingslied singen, eine Geschichte nach der anderen erzählen, lächeln. Auch, wenn man innerlich faktisch an der Schwelle zur Höllenglut steht. Bis wir selbst das erste Kind, selbst den ersten dieser Anfälle hatten, kannten wir diese Krankheit nicht wirklich. Oder wir haben sie zumindest nicht wahrgenommen. Inzwischen wissen wir, dass sie viel zu viele Kinder betrifft. Ich kann „frischen“ bzw. werdenden Eltern nur dringend an’s Herz legen, sich zu informieren. Sich einen Plan zu machen. Um vorbereitet zu sein. Um nicht, wie damals wir, so dermaßen kalt erwischt zu werden. Weil diese Erkrankung in den allermeisten Fällen so völlig ohne vorherige Anzeichen ausbricht. Du bringst ein gesundes Kind in’s Bettchen und wirst geweckt, weil plötzlich ein kleines Lämmchen neben dir hustet, um Luft ringt…

Wenn ihr Lust habt, auf zumeist sehr viel weniger aufgeregte Erzählungen aus meinem Alltag, dann besucht mich doch auf Instagram. Ich würde mich sehr freuen.

Hallo, ich bin Melli, an meiner Seite sind der kleine Louis und mein Mann Björn. Bevor ich Mama wurde, habe ich Modejournalismus studiert und arbeitete anschließend in einer Promi-Redaktion. Gab es zu der Zeit für mich nichts Spannenderes als: „Welches Kleid trägt XY zu den Oscars“ und „Hat Promi ZZ tatsächlich eine Affäre“, interessiere ich mich heute brennend dafür, wann unser kleiner Mann seine ersten Schritte macht und ob Pampers Baby Dry Night wirklich länger trocken halten?! Louis ist eindeutig der Star in unserem Haushalt und wie es sich für eine richtige Diva gehört, hat er sich Zeit gelassen, in unser Leben zu treten. Erst, als ich schon daran zweifelte, dass bei uns alles auf natürlichem Wege laufen würde, passierte „es“ in einer feucht-fröhlichen Nacht. Und so begann die aufregendste Reise meines Lebens… Jetzt ist der kleine Keks schon ein Kleinkind und hat unser Leben bereits ordentlich auf den Kopf gestellt.