Schaurig-Schön: Eine Geburt, wie sie nicht im Buche steht

Von Yavi, mama-moves.de

Lias Emilian, mein Lieblingsthema. Noch weit vor Brownies, Squats und Netflix. Geboren am 28.08.2015 um 14.53 Uhr in Edinburgh, Schottland. Ich hatte das Datum schon viele Monate vorher prognostiziert oder vielleicht habe ich es auch einfach herbei geschworen, da ich mir genau das gewünscht hatte und das obwohl der ET eigentlich am 6.9. ausgerechnet war. In der 28 stecken nämlich die 2 und die 8, die sich mein Mann und ich schon für unseren Hochzeitstag (02.08.2014) ausgesucht hatten. Die 2 steht nämlich für „Wir Zwei“ und die 8 für das Symbol der Unendlichkeit. Als die Fruchtblase am frühen Morgen des 27. Augusts platzte und ich auf dem Weg ins Krankenhaus noch dachte „Mist, knapp vorbei ist auch daneben“, ahnte ich noch nicht, dass weitere 35 Stunden bis zu seiner Geburt vergehen würden.

35 qualvolle und zugleich wunderschöne Stunden. Lasst sie mich noch einmal Revue passieren lassen.

Nachdem die Fruchtblase um 5 Uhr morgens 2 cm NEBEN dem Bett platzte – die Angst, das Fruchtwasser würde unsere neue Matratze ruinieren hatte mich offenbar intuitiv hochschrecken und losrennen lassen – ging ich noch duschen und zog mich an, als dann, ca. 30 Minuten später, die Wehen losgingen. Das Krankenhaus wusste bescheid und erwartete uns. Das Fruchtwasser lief und lief und sowohl mein Höschen als auch der Autositz meines Mannes waren ausgepolstert wie dicke Kinosessel. Ich fühlte mich wie in einem Film und wenn ich an die 30 minütige Fahrt zurückdenke, sehe ich uns nur aus der Vogelperspektive. Ohne Ton. Wir gingen in das Klinik-anliegende Geburtstagshaus, das wir uns vorher ausgesucht hatten und das allen risikofreien Schwangeren zur Verfügung steht, sofern eines der 6 Plätze frei ist. Ich wollte unbedingt dort gebären, hatte es mir schon ganz romantisch und wild ausgemalt, wie wir dort in trauter Zweisamkeit zwischen der großen Eckbadewanne, dem kuscheligen XXL-Bett und den verschiedenen Liegen wechseln, bei gedämmtem Licht und unserer Lieblings-Musik aus den Boxen, und ab zu und schauen wir aus dem Fenster ins Grüne und weinen und lachen.

Doch als wir dort ankamen war mir nur noch nach Weinen. „Es tut uns leid, aber Sie können hier nicht bleiben, ihr Baby ist einfach zu groß, Sie zu klein und wir denken nicht, dass es zu einer unproblematischen Geburt kommen wird.“

F**** euch. Du fühlst dich als Superheldin, vom gesamten Volk leider im Stich gelassen und verraten, bei dem Versuch, ein Wunder zu vollbringen. Wie können Sie DICH plötzlich ablehnen – obwohl es doch immer hieß, alles sei easy und „och joa, das Baby ist zwar groß, aber die Natur weiß schon was sie tut. Passt schon.“ Und jetzt muss ich gehen?! Ich war entsetzt, desillusioniert, furchtbar traurig. Und es wurde noch schlimmer.

Für den Kreißsaal war es noch zu früh, denn der Muttermund war erst 1 cm geöffnet. Und er blieb es für die nächsten 15 Stunden. Diese verbrachten wir in einem kleinen Untersuchungsraum, in Fluren, auf dem Pezziball, im Innenhof oder in der Cafeteria, denn laut der Ärzte müsste erstmal „mehr passieren“, dass sie mich in den Kreißsaal oder zumindest in ein vernünftiges Zimmer steckten. Ich hatte regelmäßige Wehen, aber sie waren erträglich, ich war körperlich so aktiv wie eine Springmaus, kreiste unaufhörlich meine Hüften, hüpfte auf dem Ball, machte Squats und hoffte von Stunde zu Stunde, dass die Untersuchungen endlich eine Muttermundöffnung feststellen würden.

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Nach 15 Stunden bekam ich statt meines Kindes einen Wehentropf und ein Bett im 6-er Zimmer, nur ein Vorhang verhinderte, dass mich die anderen Patienten vor Schmerzen auf dem Boden und Bett kriechend, keuchend und krampfend sahen. Die wehenfördernden Hormone machten aus dem anfangs Wehen-sind-doch-gar-nicht-so-schlimm-ich-brauche-auf-keinen-Fall-eine-PDA-Geburtserlebnis einen verdammt-nochmal-wo-bleibt-meine-PDA-Horrotrip, der kein Ende nahm. Nach 18 Stunden war der Muttermund bei 3 cm, ich bekam meinen langersehnten, wenn auch hässlichen Kreißsaal, und eine PDA.

Wenn ihr jetzt denkt: „Ende gut, alles gut!“, habt ihr euch geschnitten. Ich gehörte nämlich zu den statistischen 1 %, bei denen die PDA nicht wirkt. Die Schmerzen waren unbeschreiblich grausam, zerreißend. Ich konnte seit einigen Stunden nichts mehr essen und trinken, bekam kaum noch mit, wie sich mein Muttermund langsam öffnete und als er nach 28 Stunden bei 5 cm war, riss mein Film und ich erinnere mich kaum noch an die Folgegeschehnisse. Ich erinnere mich nicht, wie ich mich ständig übergab, wie ich über Kopfhörer Musik hörte, wie ich wegdöste, im nächsten Augenblick aber minutenlang vor Schmerz schrie, wie immer wieder die PDA-Dosis erhöht und andere Schmerzmittel verabreicht wurden, die jedoch alle nicht anschlugen, wie ich mich trotz leichter Lähmung in den Beinen (wegen der partiellen Wirkung der PDA) auf alle Vieren kämpfte und mit letzter Kraft die Hüften kreiste, damit a) der Muttermund weiter aufging, b) das Schmerzgefühl durch Bewegung nachließ und c) das dicke Kind endlich aus mir raus kam!!

Nach 33 Stunden steckte diese riesige Hand des Chefarztes in mir drin und als ich ihn sagen hörte, der Muttermund sei bei 9cm, schaute ich meinen Mann an und sagte: „Siehste, ich wusste wir schaffen das!“

Doch der Arzt sprach weiter. „Ihr Kind ist leider noch zu weit oben“. Und von da an ging alles ganz schnell und ich habe kaum verstanden, warum ich plötzlich für den OP fertig gemacht wurde und innerhalb weniger Minuten in diesem großen, weißen Saal lag, eine Spinalanästhesie bekam, kurz darauf spürte, wie mein Unterkörper beim Aufschneiden der Bauchdecke von einer Seite zur nächsten geschleudert wurde und mein Mann meinen Kopf hielt. Ich erfuhr erst später, dass es zum Notkaiserschnitt kam, weil Lias ein Sternengucker war und feststeckte, seine Herztöne bereits abfielen, ich 41°C Fieber und eine Sepsis hatte und unser beider Leben auf dem Spiel stand. Die Entscheidung, ob wir das Kind holen oder ich weiterhin versuche es natürlich zur Welt zu bringen, lag nicht mehr bei mir.

Es spielte aber auch keine Rolle mehr. Ich habe die Geburt in die Hände anderer Menschen gegeben und lag nun da, auf den Moment wartend, den ich mir schon lange ausgemalt hatte – wenn auch in ganz anderer Weise. Und dann hörte ich den Arzt sagen : „wow, it’s a big boy!“ und alle anwesenden Ärzte und Schwestern stimmend lachend ein und auch ich musste lachen. Ja, ich wusste ja, er wird „big“. Ich konnte kaum erwarten, den dicken Troublemaker endlich in den Arm zu nehmen, dieses „Skin to Skin“ stand auf meinem Geburtsplan in den Prioritäten ganz oben. Doch Lias schrie nicht. Und ich sah ihn nicht, mehrere Minuten, die sich wie Stunden anfühlten. Mir gingen die schlimmsten Dinge durch den Kopf und ich versuchte jedes Geräusch aus der Ferne zu deuten, denn wegen der großen Plane vor meinem Kopf und dem Gewusel im OP-Saal sah ich nichts.

Und dann sah ich ihn. Den kleinen, großen Mann von knapp 4 kg, 53 cm, dunklem Haar und einem kleinen Storchenbiss über der Lippe. Er war perfekt. Für mich war er perfekt. Alles war perfekt. Auch diese Geburt. Schmerzen? Ich kann mich gar nicht erinnern, welche gehabt zu haben!

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Wir, endlich eine kleine Familie, bekamen unsere private Dreisamkeit im Aufwachraum, wo Lias und meine Haut sich erstmals berührten. Lange lag er da, auf meiner Brust, die er fix schon nach Essbarem absuchte, seinen Mund um meine Brustwarze spannte und zog. Ich weinte und lachte und konnte nicht fassen, welch Wunder unsere Natur möglich machte. Dieses Kind hatte nie zuvor getrunken, und wusste doch intuitiv, was es zu tun hatte. Oh ja, unser „big boy“ hatte einen Mordsappetit – und hat ihn noch heute.

Doch dann drohte wieder eine dramatische Wende in unserer Happy End Lovestory. Eine der OP-Ärzte kam in den Raum und holte stotternd aus: „ich weiß gar nicht, wie ich das jetzt sagen soll, es ist uns furchtbar unangenehm…“ Ich kürze es für euch ab: Nach der OP gab es eine Unstimmigkeit beim Durchzählen der OP-Werkzeuge. Eins fehlte. Ich musste noch einmal geröntgt werden, um sicherzustellen, dass das Werkzeug nicht Lias’ Bauchplatz eingenommen hatte. Glücklicherweise wurde es in mir nicht gefunden und wo es letztlich war, habe ich nie erfahren.

Und es spielte auch keine Rolle mehr, auch nicht, dass ich noch einige Stunden wegen meiner Sepsis in einem speziellen Raum lag und überwacht wurde. Dank eines frühzeitig verabreichtem Antibiotikum ging es stündlich bergauf und um Mitternacht durften Lias und ich in ein normales Zimmer, wo wir unsere erste gemeinsame Nacht miteinander verbrachten. Es war, als wären die 35 Stunden zuvor ausgelöscht. Als hätte ich nie gelitten.

Ich weiß, dass meine Geburt kein erstrebenswertes Musterbeispiel oder die herzigste Story überhaupt ist. Aber so schlimm und abschreckend all das aus der objektiven Perspektive auch klingen mag, es war mit Abstand das beste Erlebnis meines Lebens und ich würde es nicht ändern wollen. Nicht nur die sehr intensiven Stunden mit meinem Mann, auch der Gedanke daran, dass mich jede einzelne Wehe der Begegnung mit meinem Baby näher brachte, verliehen mir immer wieder einen Adrenalin- und Serotonin Schub. Ich fühlte mich stark, so stark wie noch nie, obwohl meinen Körper längst alle Kräfte verlassen hatten. Ich habe ein Kind zur Welt gebracht. Auch, wenn das Ruder am Ende nicht mehr in meinen Händen war. ICH habe ein Kind zur Welt gebracht.

Hi ich bin Teresa. Studierte Medienmanagerin und leidenschaftliche Redakteurin. Meine Modeaffinität hat mich aber auch zwischenzeitlich mal die Branche wechseln lassen und so war ich zuletzt als Shopmanagerin bei Inditex tätig. Aktuell lebe ich aber ganz nach dem Motto: „Mein Alltag ist ihre Kindheit“. Ich versuche jeden Tag zu einem kleinen Abenteuer für uns zu machen. Mit einem tollen Mann an meiner Seite, einer wundervollen Tochter, die im Mai 2017 zur großen Schwester upgegradet wird, gestalten wir unseren Alltag so bunt wie möglich. So reisen wir gerne, ob durch Asien oder Europa. Und versuchen einfach immer wieder unseren persönlichen Interessen treu zu bleiben und sie gemeinsam auch zukünftig mit unseren Kindern zu vereinbaren. Kinder machen unser Leben nämlich nur noch lebenswerter: wir müssen es nur zulassen.