Das Warten hat ein Ende. Endlich hält man das lang ersehnte Baby in den Armen. Eigentlich sollten die frischgebackene Mutter überglücklich sein. Sich auf die Kuschel- und Kennenlernzeit mit ihrem Kind freuen. Doch leider empfinden nicht alle Frauen dieses Glücksgefühl. Unmittelbar nach der Entbindung erleben einige Mütter ein Stimmungstief den sogenannten „Babyblues“ oder sogar eine längere „Wochenbettdepression“. Doch darüber geredet wird so gut wie nie, denn welche Frau gesteht sich schon gerne ein, dass sie statt dem ersehnten Mutterglück nur Frustration und Überforderung fühlt? Unsere drei Autorinnen im Mami-Talk sprechen ganz offen über ihre Erfahrungen und gewähren uns ganz persönliche Einblicke, wie eine Mutter sich doch fühlen kann, wenn einen nicht das ersehne Mutterglück statt Glück Traurigkeit den Baby-Alltag beherrscht.

Friederike (growing belly)

Du arbeitest Stunde um Stunde um endlich den kleinen Menschen in den Armen zu halten, auf den du soviele Wochen gewartet hast. Kämpfst dich durch und irgendwann legen sie dir dein Kind auf die Brust. Unendliche Glücksgefühle und Liebe durchströmen deinen erschöpften Körper und du bist selig. Dein Kind wurde geboren- die Zeit des magischen Wochenbetts beginnt. Du bist Mama und liebst vom ersten Augenblick. So die Vorstellung.

Mein Name ist Friederike und ich habe im Juli 2016 eine kerngesunde Tochter zur Welt gebracht. Mit meinen Gedanken zum Wochenbett gebe ich persönliche Einblicke, die für die einen vielleicht befremdend klingen mögen. Für die anderen aber vielleicht ein wenig Hoffnung bringen. Hoffnung in einer Situation die aussichtslos scheint. Eine Situation, über die nicht gerne gesprochen wird. Eine Situation so beängstigend wie selten eine andere Erfahrung in meinem bisherigen Leben. Eine Situation, die nicht länger als Tabuthema umherschwirren soll.

Als meine Tochter Tilda geboren wurde, war da neben Erschöpfung und Schmerz nichts. Nichts außer das Fremde. Eine innere Leere. Vergeblich suchte ich die ersten Tage und Wochen nach der so bekannten Mamaliebe. Die, die dein Herz bei jedem Anblick deines Babys höher schlagen lässt. Die, die die zahlreichen Entbehrungen und Schmerzen nichtig erscheinen lässt. Doch ich fand nichts der gleichen. Unglaubliche Traurigkeit setzte sich in mir fest. Schmerzende, lähmende Traurigkeit. Ich fühlte mich matt. Taub. War enttäuscht. Von mir. Als Mama. Als Frau. Als Mensch. Da war dieses große schwarze Loch, in welches ich gefallen bin. Als ich nach oben sah, war auch da nur schwarzer Himmel. All die Glückwünsche und Freude meiner Familie und Freude prallte an mir ab. Mein eigener Körper und dieses kleine Wesen waren mir so fremd, dass ich das Gefühl hatte, für eine ganz lange Zeit in einem Zwischenstadium zu leben. Mit allen Mitteln suchte ich nach dem Band von dem alle sprachen. Dem Mutter-Kind- Band, welches mit der Geburt automatisch da ist. Ist es bei anderen instinktiv ein dicker, festgewebter Strick, hielt ich nur einen seidenen Faden in der Hand. Sicherlich funktionierte ich als Mama. Ich stillte stündlich. Gab meinem Baby all die Liebe, die es brauchte. Zuwendung und Aufmerksamkeit. Aber ich spürte sie nicht. Die Liebe. Das Wochenbett war für mich weit aus schlimmer, als die Geburt an sich. Die 36h Wehenkampf, die in einem Not-Kaiserschnitt enden musste. Steckte ich die Wochen nach Tag X noch im Geburtstrauma? Waren diese Gefühle normal, nur keiner spricht darüber? Ist das der bekannte Babyblues oder sind das schon Wochenbettdepressionen? Wer bestimmt eigentlich, was ich gerade fühlte? Ich machte den Fehler und fing an zu googlen. Panik stieg in mir auf. Ich wollte nicht anders sein. Ich wollte doch nur wie alle anderen auch, mein Baby lieben. Aus tiefstem Herzen. Die Angst lähmte eine Zeit lang mein ganzes Denken, und dann begann ich zu reden. Zu schreiben. Mit dem Partner. Freunden. Bekannten und Unbekannten. Die innere Leere füllte sich. Zuspruch und Austausch machten dies möglich. Stunde für Stunde, Tag für Tag lernte ich mein Baby besser kennen. Kehrte zurück zu meinem Körper. Zu meinem Ich. Und mit jedem dieser kleinen Schritte, wuchs die Liebe zu meiner Tochter. Das noch vor Wochen so kleine Fädchen zwischen uns wuchs und spinnte neue Fäden in alle denkbaren Richtungen. Es wurde stärker. Jeder Augenblick. Jedes gemeinsame Erlebnis. Jedes Lachen und jedes Weinen. Jeder dieser Momente zeigte mir, wer du bist, mein Mädchen. Aus diesem kleinen Mädchen wurde meine Tochter. Und irgendwann war es so wie alle sagten: die Liebe wird spürbar sein und wachsen. Sie war von Anfang an da. Im Herzen, als kleiner Keimling. Doch die Erlebnisse, die neue Situation, die Anstrengung, die Angst vor dem Ungewissen warfen einen großen Schatten über diesen kleinen Kern und ließen die ersten Lebenswochen nicht zu, mich wohl zu fühlen und zu lieben. Die Zeit heilte bei mir tatsächlich alle Wunden und heute kann ich sagen: ich bin Mutter. Durch und durch. Fast täglich platze ich vor Liebe und Stolz.

Was das über mich als Mutter aussagt: ich bin eine Kämpferin. In uns allen schlummert eine Kämpferin. Wir müssen nur fest an uns glauben, auf uns vertrauen und dann schaffen wir das. Kämpfen uns zurück und können endlich auch das neue als Mama Leben genießen.

 

Kristina (biseinerheult)

Getrübtes Mutterglück

Endlich! Nach 40 Wochen Schwangerschaft ist das Kind da. Man ist überglücklich, könnte vor stolz platzen und freut sich auf den neuen Lebensabschnitt. Eigentlich. Doch was wenn das nicht so ist? Wenn die Ängste und Sorgen überwiegen, ein Gefühl der Überforderung überhand nimmt und sich der normale “Baby-Blues“ zu einer ernstzunehmenden Krankheit, einer postnatalen Depressionen, entwickelt?

Bei mir war dies leider der Fall. Rückblickend hat es sich eigentlich schon in der Schwangerschaft angedeutet. Die Schwangerschaft war nicht geplant, ich war mit 23 Jahren noch recht jung und eigentlich gerade eher auf die Karriere fixiert. Mein mittlerweile Ehemann und ich waren ziemlich vor den Kopf gestoßen aber es war für uns von Beginn an klar: wir wollen das Kind und wir wollen eine Familie sein!

Ich legte mein Studium auf Eis und konzentrierte mich auf die Vorbereitungen für die Zeit nach der Geburt. Es kamen jedoch auch einige negative Gefühle bzw Erinnerungen an meine Kindheit hoch, die ich bis dahin immer gut von mir weggeschoben habe.

So Schritt die Schwangerschaft voran, und je weiter ich war desto größer wurden die Ängste und Sorgen. Ich hatte große Angst vor der Geburt die mir auch kein Vorbereitungskurs nehmen konnte. Und als der Tag kam war es noch schlimmer als befürchtet und endete schließlich mit einem Notkaiserschnitt.

An der Geburt hatte ich noch lange zu knabbern und die Stunden die es mir pro Tag schlecht ging stiegen immer mehr. Ich hatte ein echt pflegeleichtes, tolles Kind und trotzdem war ich überfordert und saß, sobald sie schlief, ganz angespannt neben der Wiege und wartete nur darauf dass sie wieder schrie. Entspannen war unmöglich.

Ich ertrug die körperliche Nähe irgendwann nicht mehr und stillte sie nach zwei Wochen ab. Ich hoffte dass durch den nun wegfallenden Druck alles etwas leichter werden würde. Um mich zu erholen kam meine Tochter zu meinen Schwiegereltern die mit uns im Haus leben. Erst nur stundenweise, als sie 3 Wochen alt war sah ich sie vielleicht noch eine Stunde pro Tag. Ich wollte sie aber auch nicht sehen, ich konnte nicht mehr essen, verlor extrem an Gewicht und konnte nur noch weinen.

Es ist schwer zu beschreiben was für Gefühle das sind. Man will es nicht, und doch bereitet einem die Anwesenheit des Kindes Angst und Schmerzen. Ich dachte des öfteren daran meine Tochter in eine Babyklappe zu legen, so verzweifelt war ich. Dazu kommen die Schuldgefühle und das Wissen, dass man eigentlich überglücklich sein müsste. Die Reaktionen des Umfeldes waren auch eher verständnislos und mein Mann war schnell überfordert mit der ganzen Situation.

Zum Glück hatte ich eine tolle Hebamme, die recht schnell merkte dass etwas nicht stimmt und mich in eine Klinik schickte, die sich mit der Problematik auskennt. Ich wurde Medikamentös eingestellt und habe mit Hilfe guter Psychologen langsam eine Beziehung zu meiner Tochter aufbauen können. Es war kein einfacher weg, aber nach ein paar Wochen war das schlimmste überstanden.

Meine zweite Schwangerschaft, die Geburt und das Wochenbett verliefen dagegen super, so als wäre nie was gewesen. Und ich bin zurückblickend einfach froh, dass wir diese Zeit ohne bleibende Schäden überstanden haben, da diese Krankheit unbehandelt doch schlimme Folgen haben kann.

 

Bianca (echte.hamburgerin)

Wunschkind
Ist alles gut? Gar nichts ist gut, denke ich und lächle. Ist heute alles gut? Wir arbeiten daran.
Die Geburt war hart. Lange und mit Ängsten gespickt. Ich war eigentlich gut vorbereitet, wie immer. Kontrolle gehört zu meinem Leben und es ist müßig zu denken, daß es vielleicht daran lag.
Zu Hause war alles bereit für die Ankunft unseres Wunschkindes, aber er lies auf sich warten und die 40kg plus inkl. schlimmster Wassereinlagerungen machten es nicht besser. Ich war immer sehr schlank und hakte meine Figur schon mal innerlich ab. ‚Alles für das Kind‘ und ich freute mich mit wachsendem Bauch auf unseren Sohn. Am siebten Tag nach errechnetem Termin ging ich zur Einleitung ins Krankenhaus. Ich wollte nicht mehr schwanger sein, ich konnte nicht mehr. Cytotec sollte es richten und ich dachte, daß es schnell geht. Aber es passierte nichts. Wir warteten im „Arbeitszimmer“ wie es die Hebammen nannten. Am Freitag nachmittag sollte er doch da sein und ich hatte nach der dritten und höchsten Cytotec Gabe nur leichte Wehen. Schlafen sollte ich, jetzt mit stärkeren, aber nicht förderlichen Wehen. So begrüsste ich mit Graubrot und trockenen Käsescheibe die siebte Hebamme für die Nacht.
Mein Mann blieb an meiner Seite, nach Blasensprung am Samstag mittag wurden die Hebammen und Ärzte am Sonntag Nachmittag etwas nervös. Die Wehen blieben aus und kamen ganz zum erliegen, der Wehentropf sollte es richten und nach der PDA, die gehörig schief ging, wurde die Zeit langsam knapp. Unser Sohn bekam Stress und somit hatten wir grünes Fruchtwasser. Kurz vor einem Kaiserschnitt kam er am Sonntag Abend als Sternengucker mit dreifacher Nabelschnur um den Hals mit allerhöchster Eisenbahn auf die Welt. Sofort wurde er auf die Intensiv verlegt und ich in den OP geschoben, da die Plazenta sich nicht löste. Die Ärztin ließ mich wach, nur die walking PDA wurde zur richtigen PDA aufgespritzt, damit ich wenigstens später beim ersten Zusammentreffen mit meinem Sohn wach bin. 8 Krankenpfleger und und Schwestern standen im OP um mich rum und es musste alles wieder schnell gehen. Ich verlierte sehr viel Blut und mein Mann stand noch im Kreissaal ohne Frau und ohne Kind. Ich war wie in Trance und fand am schlimmsten die zig Braunülen in meinem Arm.
Warum ich von diesem Geburtserlebnis berichte? Ich denke, daß es einen erheblichen Teil dazu beigetragen hat. Ich konnte diese ganzen Erlebnisse und stundenlanger Wehen gar nicht verarbeiten. Irgendwann kam mein Mann ins Zimmer rein und brachte mir unseren Sohn. Ich schaute den Kleinen an und wartete auf die Einstellung der vielbesagten Glückshormone. Auf dieses: „Ich habe es geschafft, unseren Sohn auf die Welt zu bringen und ich bin jetzt die glücklichste Mutter der Welt und es ist das hübscheste Baby der Welt.“
Nichts.
Gar nichts.
Mein Mann weinte vor Glück… ich fühlte nichts, aber wollte auch nicht der Spielverderber sein. Ich lächelte, wie man es für ungewollte Fotos tut. So macht man es doch als frisch gebackene Mama. Er fuhr nach Hause.
Gegen 23h kam eine Hebamme rein und fragte, ob ich ein paar Stunden in Ruhe schlafen wolle. Klar. Ich war müde. Mein Sohn wurde fortgebracht und ich wollte nur noch schlafen. Gegen vier wurde die Tür aufgerissen und das grelle Deckenlicht angemacht. „Mein Sohn hätte hunger“ und ich dachte nur: „aha, und jetzt?“
Sie brachte mir das schreiende Bündel, riss mir meinen Kittel hoch, meine Beine konnte ich immer noch nicht bewegen und legte das Kind an meine Brust. Er schrie, ich dachte nur: „was denkt die Hebamme sich, mich zu wecken. Soll sie doch dem Kind geben, was es braucht. Gib ihm eine Flasche oder was auch immer man so macht mit einem Kind“
Ich fand mein Kind hässlich. Er hatte einen riesigen Mund, war zerknautscht und wollte nicht an meiner Brust trinken. Ich war sehr genervt vom Besuch, von dieser brutalen Nachtschwester, von meinem Kind. Ausziehen sollte ich ihn, weil er nicht mehr schrie am zweiten Tag. Der Kleine schlief, die ganze Zeit und ich war froh, mich nicht um das schlafende Kind kümmern zu müssen. Wenn ich gewußt hätte, daß er für lange Zeit so lange am Stück geschlafen hat, hätte ich es vielleicht genossen.
War es das? Fühlt sich so ´Muttersein´ an?
Mit 6 Wochen „schlief“ er in seinem eigenen Bett, wenn er denn mal geschlafen hat. Ich lächelte weiter und tat alles, was mein Kind brauchte. Ich stillte es, ich wickelte es, ich besorgte Windeln, pflegte ihn. Gefühlt habe ich nichts. Ich funktionierte in meinem durchgeplanten Perfektionismus. Mein Kind hatte und bekam alles, was es brauchte. Er schlief im ersten Jahr maximal 1,5h am Stück, tagsüber kaum. Ich ging am Stock und verstand einfach nicht, warum ich keine Liebe für mein Kind empfand. Das war es doch! Genau das musste eine Mutter doch fühlen? Ich sah alle die anderen Mütter mit ihren Kindern im Tragetuch, kuschelnd und küssend mit ihren Kindern brabbelnd beim Pekip. Mit dieser Art anderer Mütter konnte ich einfach nichts anfangen. NICHTS, dieses NICHTS machte mich so wütend.
Als mein Sohn etwas älter als ein Jahr war, löste sich dieses bleierne Nichts langsam auf. Heute weiß ich, daß Kinder mit besonderen Begabungen die Nähe (und Schlaf) nicht so brauchen, wie andere Kinder. Ich verstehe langsam, daß es wohl ein Zusammenspiel aus verschiedenen Faktoren gewesen sein muss. Die schwierige Geburt, keine Bindung direkt nach der Geburt, das perfektionistische Funktionieren ohne Rücksicht auf sich selbst, kein Bitten nach Hilfe, weil man alles selbst geregelt bekommt, das entgegengebrachte Unverständnis, wenn man sich doch mal getraut hat, andere Mütter zu fragen und natürlich mein Sohn selbst, der anders ist. Meine Güte, ich hätte verdammt noch einmal Hilfe gebraucht. Ein offenes Ohr, Verständnis, Gespräche, Offenheit und vor allem Wissen über das, was da passiert ist mit mir und dem Kind. Heute bekomme ich Hilfe, ich habe sie mir gesucht. Über diese schwere Anfangszeit kann ich immer noch nicht gut reden. Man gibt sich selbst die Schuld. Das ist falsch, aber es ist einfacher, als sich mit jedem Detail separat auseinander zusetzen und versuchen zu verarbeiten.
Mein Vater legte eines Tages seine Hand auf meine Schulter, er hatte Tränen in den Augen und nahm mich in den Arm. Er sagte diesen Satz zu mir, der mir selbst heute noch Tränen in die Augen treibt. „Jetzt ist es soweit, jetzt bist Du eine richtige Mami!“
Hallo, ich bin Melli, an meiner Seite sind der kleine Louis und mein Mann Björn. Bevor ich Mama wurde, habe ich Modejournalismus studiert und arbeitete anschließend in einer Promi-Redaktion. Gab es zu der Zeit für mich nichts Spannenderes als: „Welches Kleid trägt XY zu den Oscars“ und „Hat Promi ZZ tatsächlich eine Affäre“, interessiere ich mich heute brennend dafür, wann unser kleiner Mann seine ersten Schritte macht und ob Pampers Baby Dry Night wirklich länger trocken halten?! Louis ist eindeutig der Star in unserem Haushalt und wie es sich für eine richtige Diva gehört, hat er sich Zeit gelassen, in unser Leben zu treten. Erst, als ich schon daran zweifelte, dass bei uns alles auf natürlichem Wege laufen würde, passierte „es“ in einer feucht-fröhlichen Nacht. Und so begann die aufregendste Reise meines Lebens… Jetzt ist der kleine Keks schon ein Kleinkind und hat unser Leben bereits ordentlich auf den Kopf gestellt.