Wir hatten es uns so schön ausgemalt: Ende November einen Familientrip nach London, um die ersten Geschenke zu besorgen und so richtig in Weihnachtstimmung zu kommen – mit bunten Lichtern, leckerem Essen und fantasievoller Deko. Vielleicht war das ein klein bisschen naiv, immerhin ist London eine der belebtesten Städte der Welt – zumindest, als wir realisierten, dass wir am „Black Friday“ vor Ort sein werden, hätte es bei uns klingeln müssen… Aber von Anfang an:

 

Oxford Street Christmas lights

Tag 1

Nachdem wir mit Louis bereits in Antwerpen, Amsterdam und Hamburg waren, dachten wir, wir wüssten, was uns in einer Großstadt erwarten würde. Packten wie alte Hasen, entschieden uns sogar den Bugaboo mit dem Sportsitz mitzunehmen, um für den Kleinen möglichst viel Komfort unterwegs zu haben und ab ging’s zum Flughafen. Der Airport Düsseldorf war schön leer, der Flug verlief ohne nennenswerte Zwischenfälle. In Heathrow gelandet, fuhren wir bequem erst mit dem Aufzug zum Gleis, um dann  50 Minuten mit der Picadilly Line zu weiterzureisen. Die Bahn war am Flughafen erst mal leer, aber schon da merkte ich, dass es keinen richtigen Platz für einen Kinderwagen gab. Richtung Central London wurde es dann irgendwann richtig proppevoll, die Leute hingen quasi halb im Kinderwagen und wir kamen uns blöd vor, so viel Raum in Anspruch zu nehmen. Wir sind dann 12 Minuten Fußweg vor unserem Apartment ausgestiegen, damit wir nicht umsteigen mussten. An der Haltestelle gab es keinen Aufzug und wir mussten auf ziemlich steilen Rolltreppen (wer schon mal in London war, weiß, wovon ich spreche) mit dem Wagen und Koffer balancieren, während sich links natürlich noch Menschen durch den 10 Zentimeter Spalt quetschten und anschließend Treppen steigen – dabei hat uns aber immer ein freundlicher Engländer geholfen. So wurden wir um 16 Uhr nähe Oxfort Street ausgespuckt und sind mit Wagen und einem Koffer zwischen den Passanten lang, wobei jeder dachte, er gewinnt an Zeit, wenn er uns noch überholt. Mega anstrengend! Ich kenne es eigentlich, wenn ich mit Louis unterwegs bin, dass die Menschen an der Ampel in den Wagen gucken und man kurzen Smalltalk über den kleinen Döts hält – Fehlanzeige, hier war der Buggy nur eins: ein Hindernis. Der Londoner ist immer in Eile, das ist mir bei meiner vorherigen Besuchen tatsächlich nie aufgefallen.

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Ich war also schon ziemlich genervt, als wir an unserm Apartment ankamen, es lag in einer Seitenstraße zur festlich beleuchteten Oxford Street: an der Ecke ein DJ-Store, zwei Häuser weiter eine Bar, gegenüber ein spanisches Restaurant und auf der Straße eine Baustelle, an der nur nachts gearbeitet wurde! Aber alles geschenkt, nix wie rein ins traute Heim. Uns erwartete ein enger Flur mit Teppich und unsere Wohnung  im ersten Stock. Die Vermieterin empfing uns und war wirklich sehr nett – und es gab sogar ein Babybett, das sollten wir nur selbst aufbauen. Juhu! Wir beschlossen nun,  den Stress hinter uns lassen,  Anreisen ist doch immer nervig, egal wohin. Ich nahm Louis in die Trage und wir gingen zu einem Garfunkel`s, was direkt bei uns um die Ecke lag. Das Restaurant hatte sogar einen Kinderstuhl und wir waren erst mal versöhnt mit der großen Stadt. An dieser Stelle sollte erwähnt werden, dass wir die einzige Familie mit einem kleinen Kind im Restaurant waren und ich bis dato auch noch keinen anderen Kinderwagen außer unseren gesehen hatte. Zurück im Apartment hörten wir nachts in unserer Straße einige Passanten grölen und die Bauarbeiten, Louis hat aber super zwischen uns geschlafen, denn das Babybettchen ließ sich nicht aufbauen. War kuschelig, auf 1,40m.

Tag 2

Am nächsten Morgen frühstückten wir bei Tuttons in gediegenem Ambiente Eggs Benedict und gingen anschließend zu Covent Garden. Über uns, riesige Mistelzweige und flackernde Laternen, auf der unteren Etage sang eine Opernsängerin – für solche Momente waren wir gekommen. Ich entdeckte neben ihr einen Spielzeugladen, auch hier mussten wir den Wagen wieder tragen, einen Aufzug gab es nicht. Dafür fanden wir  ein paar wirklich schöne Dinge bei Snooks für Louis und für einige andere Kinder im Freundeskreis.

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Covent garden christmas lights

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An dem Tag kamen wir zu dem Schluss, dass Central London bis ungefähr 16 Uhr mit Buggy machbar ist, dann werden die Straßen einfach zu voll und wir haben Louis dann in die Trage gesteckt. Was aber leider nicht heißt, dass er da „sicher“ war, denn viele haben ihn im Dunkeln einfach nicht wahr genommen. In England wird es durch die Zeitverschiebung übrigens schon um 15 Uhr dunkel. Abends aßen wir in Angus Steak House, auch da gab es einen Kinderstuhl für Louis. Anschließend machten wir uns auf zu Regent Street, über der riesige, beleuchtete Engel schwebten und waren bei Hamleys – Londons ältestem Spielzeugladen – das war wirklich beeindruckend, zu vergleichen mit dem Geschäft, in dem „Kevin allein in New York“ zum Teil spielt. Allerdings waren wir drei nicht mehr richtig aufnahmefähig, Louis schlief bereits in der Trage. Schlafen – das hätten wir vermutlich auch gern getan, wenn wir nur nicht so neugierig wären. Als wir dann endlich auch schlafen wollten, war in dem Club neben uns eine Art riesige Weihnachtsfeier, eine Dame sang live zu elektronischen Klängen, die ab Mitternacht noch mal lauter wurden.

Regent street london

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Tag 3

BLACK FRIDAY!!! Während ich hier sitze und darüber nachdenke, was wir an dem Tag alles gemacht haben, schwirrt mir doch der Kopf. Meine Apple Watch hat den Beweis geliefert: Wir haben täglich 15km zu Fuß in Englands Hauptstadt gemacht. Freitag starteten wir also in der Carnaby Road, um anschließend bei Wahaca Mittag zu essen, dort gab es auch einen Kinderstuhl und wir haben uns für Louis ein Kindermenü aufschwatzen lassen, als wir nach etwas gedünstetem Gemüse fragten. Louis bekam dann Guacamole, Nachos und Wraps mit Gemüse. Nun ja, versteht mich nicht falsch, Wahaca ist mein Lieblingsmexikaner in London, aber für Louis war dieses Menü wirklich nichts. Von da aus, ging es in Richtung Picadilly Circus, dann zum Leicester Square in den neu eröffneten, wirklich tollen Lego-Store. Davor waren bereits Warteschlangen wie im Freizeitpark eingerichtet und drinnen war es viel zu voll. Wir gingen weiter zu unserem eigentlichen Ziel Harrods! Dort wollte ich ein Familienfoto mit dem Weihnachtsmann schießen lassen. Mittlerweile war es ungefähr 16 Uhr und wir hatten den Bugaboo dabei. Auf in die U-Bahn-Station, mit den Treppen half uns ein Engländer, der sagte: “ You are more then welcome, happy when you are.“ Hach, das fand ich toll. Am Gleis angekommen, sahen wir tatsächlich noch eine Mama mit Buggy. Wir mussten dann zwei Bahnen vorbeiziehen lassen, weil schlichtweg kein Platz mehr für uns war. In die dritte Bahn quetschten wir uns dann, Louis war mal wieder total eingekesselt, lächelte aber freundlich alle Mitfahrer an, bis die nicht anders konnten, als zurückzulächeln. Bei Harrods angekommen bewegten wir uns in einer großen Menschenmenge Richtung Kaufhaus, die sich aber drinnen zum Glück gut verteilte. Also, Kind in die Trage und ab zum Weihnachtsmann. Vor der Weihnachtsgrotte war bereits eine Schlange, wenn sie sich öffnete, erblickte man einen Schneesturm und irgendwo darin traf man den Weihnachtsmann, um unvergessliche Familienfotos zu machen. Ich war Feuer und Flamme! Als mein Mann frage: „Wollen wir das machen?“, schrie ich förmlich: „Deswegen sind wir doch hier!“ Die nächste Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten, keine freien Termine mehr für 2016! Ich hatte ein wenig Tränen in den Augen, Louis verstand ja zum Glück nicht, worum es ging. Auf den Schock gönnten wir uns eine Pause in einem Café im Kaufhaus einen Latte macchiato und ein Wasser, dass auf Grund seines Preises nur heilende Kräfte haben kann. Schließlich bekam Louis noch seinen ersten Tut Tut Flitzer: einen waschechten London Bus.

Carnaby Road

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Lego Store Leicster Square

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Harrods christmas lights

Angekommen an der U-Bahn-Station, war diese abgesperrt und geschlossen, wir vermuteten zuerst wegen Überfüllung und beschlossen kurzerhand die 3 Kilometer nach Hause zu laufen. Aber das war gar nicht so leicht, denn viele der Autobahn ähnlichen Straßen, kann man als Fußgänger gar nicht überqueren. Wir mussten uns Wege durch U-Bahn-Stationen suchen und einiges an Umweg in Kauf nehmen.  Als wir schließlich am Picadilly Circus ankamen, wurde uns irgendwie mulmig, denn die Reklametafeln waren erloschen! Je weiter wir uns in Richtung unseres Apartments durchschlugen merkten wir, dass ganze Häuserblocks im Dunkeln lagen. „Hat dich schon jemand versucht anzurufen?“, fragte mein Mann. Wir dachten an ziemlich viele schlimme Dinge und hielten all das an einem belebten Tag wie dem Black Friday auch für absolut plausibel. Wir waren so durch den Wind, das wir nicht mal ein Foto vom dunklen Picadilly Circus gemacht haben. Zum Glück, stellte sich das Ganze nur als ein Stromausfall heraus: Ein Black Friday der etwas anderen Art. Als wir nach 5 Kilometern endlich an unserem Apartment ankamen, öffnete sich die Tür und ein Pärchen kam heraus. So weit, so unspektakulär, wären sie nicht von oben bis unten mit Schlamm eingerieben gewesen. Woher ich das weiß? Sie trugen durchsichtige Maleranzüge und waren ansonsten nackt! Verschämt murmelten sie „Hello“ und riefen einem Passanten gegenüber zu: „You missed it!“. „It“, dachte ich? Wir gingen in den Flur und die Tür des Ateliers unter uns öffnete sich, wir schauten auf circa 30 Menschen, die ebenso hergerichtet waren, wie die draußen, sie standen dicht an dicht im UV-Licht. Oben angekommen googelte ich das Atelier, auf der Homepage findet man nur die Namen der Künstler und ein Bild von einem Lehmberg. Ich möchte sie hier nicht verlinken, ist halt Kunst und ich will niemandem zu nahe treten. In mir machte sich zu der Zeit langsam so ein: „Sind wir hier mit Kind echt richtig?“ Gefühl breit. An diesem Abend aßen wir Tiefkühlpizza im Apartment und lauschten der Live-Musik des Spaniers von gegenüber.  Einem Gast schien der Gesang nicht zu gefallen und er musste vor unserem Fenster brechen…

Tag 4

Mir hatte bei Facebook eine ehemalige Kommilitonin geschrieben, wie mutig wir eigentlich seien, mit Baby in Central London abzusteigen, sie lebe in einem Vorort und ginge nie mit ihrem Baby dorthin. Das gab mir irgendwie Gewissheit, dass wir ganz schön verrückt waren. Deshalb wollten wir es an unserem letzten Tag langsamer angehen lassen. Wir mussten nur noch kurz zu Marks and Spencer und dann wollte ich gern die Spielplätze im Hyde Park suchen. Morgens war die Oxford Street echt noch schön leer, für einen Samstag, weswegen wir zuerst annahmen, alle hätten den Black Friday zum Shoppen genutzt. Als wir bei M&S rauskamen, liefen wir direkt in eine Menschentraube und es war auch schon fast Zeit für Lunch und der Hyde Park am Ende der Straße. Nach circa einer halben Stunde, wurde der kleine Mann ungemütlich und wir beschlossen, Essen zu gehen. Ab da begann dann unsere Odysee. Ein schreiendes Kind und kein Restaurant, in dem noch ein Tisch für uns frei war. Die Trage hatten wir ausgerechnet nicht dabei und mein Mann trug das heulende Kind auf dem Arm, ich mit dem leeren Buggy hinterher. In einer abgelegenen Seitenstraße, fanden wie ein nicht so gut besuchtes Restaurant und fragten nach einem Kinderstuhl. „No children allowed“, war die Antwort. Ich hätte am liebsten mit Louis geheult, aber als Mama muss man ja stark sein. Wir googelten große Restaurants wie z.B. Wagamama, doch überall waren lange Schlangen vor der Tür. Als wir gegen 15 Uhr aufgaben und bei einer Art Bäcker einkehrten, hatte mein Sohn so viele Baby-Flips gegessen, dass er an der Kartoffelsuppe kein Interesse mehr hatte. Während mein Mann auf der Toilette war, versuchte die britische Lady neben mir mich in ein Gespräch zu verwickeln, und meinte, dass es hier heute ja viel zu voll und stressig für ein kleines Kind wäre. Tja, das hatte ich wohl schon selbst gemerkt. Wir waren beide bedient und gingen zurück ins Apartment, um dann abends noch mal „auf Nummer sicher“ zu Garfunkel`s essen zu gehen. Wieder „Zuhause“ erreichte das Nachtleben in unserem Viertel seinen Wochenhöhepunkt. Tatsächlich stand bei unserem Apartment online die Bewertung „noisy“, aber man weiß ja, wie manche Leute sich anstellen. Na gut, in diesem Fall stimmte die Aussage!

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Tag 5

Nachdem wir den Obdachlosen vor unserer Tür klar gemacht hatten, dass wir nur kurz mit dem Kinderwagen die Treppe runter müssten und dann weg seien, ging es zum Flughafen und ich freute mich sehr auf Zuhause… Die Rückreise am Sonntag war zum Glück entspannt.

Versteht mich nicht falsch: Wir hatten eine tolle, vor allem aufregende Zeit in London als Familie. Ich möchte mit diesem Artikel nur auf mögliche Widrigkeiten hinweisen, mit denen ihr rechnen müsst und auf die ihr euch dann vielleicht einstellen könnt. Natürlich muss gesagt werden, dass meine Darstellung sehr subjektiv ist, aber so ist es uns ergangen und glaubt mir, auch ich dachte irgendwann an „Versteckte Kamera“. Ich denke, nach London kann man am besten, wenn das Baby noch so klein und leicht ist, dass es problemlos über Stunden in der Trage bleiben kann, also in den ersten Lebensmonaten – oder, wenn das Kind so groß ist, dass es in der Menge nicht mehr untergeht und länger allein laufen kann, schätze, das dürfte so ab 5 Jahren sein. Als Reisezeit würde ich den Sommer empfehlen, denn da kann man auch Zeit in Parks verbringen und mit größeren Kindern die Spielplätze im Hyde Park erkunden. Für die Vorweihnachtszeit gibt es sicher besinnlichere Orte – Kopenhagen fand ich zu der Zeit zum Beispiel toll! Allerdings war ich da auch noch keine Mama, mit Kind empfindet man nun doch vieles anders.

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Hallo, ich bin Melli, an meiner Seite sind der kleine Louis und mein Mann Björn. Bevor ich Mama wurde, habe ich Modejournalismus studiert und arbeitete anschließend in einer Promi-Redaktion. Gab es zu der Zeit für mich nichts Spannenderes als: „Welches Kleid trägt XY zu den Oscars“ und „Hat Promi ZZ tatsächlich eine Affäre“, interessiere ich mich heute brennend dafür, wann unser kleiner Mann seine ersten Schritte macht und ob Pampers Baby Dry Night wirklich länger trocken halten?! Louis ist eindeutig der Star in unserem Haushalt und wie es sich für eine richtige Diva gehört, hat er sich Zeit gelassen, in unser Leben zu treten. Erst, als ich schon daran zweifelte, dass bei uns alles auf natürlichem Wege laufen würde, passierte „es“ in einer feucht-fröhlichen Nacht. Und so begann die aufregendste Reise meines Lebens… Jetzt ist der kleine Keks schon ein Kleinkind und hat unser Leben bereits ordentlich auf den Kopf gestellt.