Man muss es nur wollen. Was immer man erreichen möchte, was auch immer man leisten möchte, wenn man überleben will, wenn man unabhängig sein will – dann muss man es nur wollen. Und dass dafür ein gewisser  Ehrgeiz notwendig ist, dass sollte ich noch lernen. Aber eines wusste ich. Ich wusste – es würde nicht einfach werden.

Das Leben ist kein Ponyhof ist – das sollte ich schon früh lernen. Auch ohne dabei im Ghetto aufwachsen zu müssen. Denn ich komme aus einer „guten Familie“. Aus gutem Haus, sozusagen. Mein Vater, Italiener, kam als typischer Gastarbeiter in den 60er Jahren nach Deutschland. Sein Ziel: selbstständig und erfolgreich zu werden. Und so kellnerte er. Überall im Rhein/Ruhr Gebiet. In hippen und szenigen Düsseldorfer Bars und Restaurants. Damals, als die Leute wieder anfingen vor die Tür zu gehen. Damals, als die Gesellschaft wieder anfing, Spaß zu haben. Und meine Eltern? Mitten drin. Denn genau in dieser Zeit, in Düsseldorf, trafen sich meine Eltern zum ersten Mal.

Tochter eines italienischen Gastarbeiters

Anfang der 70er eröffnete mein Vater seinen ersten eigenen Laden. Grande Italia, nannte er es. Und die Leute kamen. Sie kamen in Scharen. Denn sie staunten, über eine Art von Gastronomie, die es vorher so nicht gab. Sie staunten über die Steinofenpizza, die von einem jungen Mann vor den Augen der Gäste zubereitet wurde. Sie staunten über die Chiantiflaschen, die auf den Tischen standen und in denen eine Kerze steckte, die brannte und deren Wachs entlang der Flasche auf den Tisch floss. Sie staunten darüber, dass dies scheinbar niemanden störte. Sie tranken das erste Mal Sambuca. Mit Kaffeebohnen drin. Und sie tranken Wein. Literweise Weißwein. Bis spät in die Nacht. Rauchten und quatschten. Bis mein Vater seinen letzten Gast auch erstmal um 4:00 morgens verabschiedete. Ja – Sie standen Schlange. Fasziniert von einer ganz neuen Welt. Einer ganz neuen Lebensart. Dem italienischen Dolce Vita. In einem Stadtteil, mitten im Ruhrgebiet, der unscheinbarer nicht hätte sein können. Ein Stadtteil, den mein Vater zum Leuchten brachte, denn er wurde zum angesagtesten Italiener seiner Zeit. Für alle Anwohner, aber auch für viele Leute von außerhalb. Sie nahmen gerne den etwas weiten Weg auf sich. Außerhalb der Innenstadt. Denn es lohnte sich ja schließlich. Das Essen war ausgezeichnet und der Wein schmeckte gut. Auch den zahlreichen Prominenten. Und sie mochten ihn. Den charmanten Mann mit dem italienischen Akzent, der von leckeren Parmaschinken und Parmesan redete und ihn zeitgleich auf den Tisch stellte.

Und meine Mutter? Während mein Vater im Restaurant am Zaubern war, kümmerte sie sich um die Familie. Um uns Kinder. Drei an der Zahl. Um mich und meine beiden älteren Brüder. Und als Nesthäkchen kam ich natürlich voll auf meine Kosten. Während meine Brüder bereits in die Teenagerjahre kamen und ihre Grenzen aus zu testen, genoß ich eine wundervolle und friedliche Kindheit. Mit tollen Ausflügen und noch tolleren Freunden. Ich ging zum Turnen, später zum Ballett. Ich spielte Tischtennis und ich war im Tenniscamp. Wir verbrachten gemeinsam traumhafte Urlaube. Jedes Jahr. 6 Wochen am Stück. Italien. In einem Bungalow direkt am Strand. Über zwei Etagen. Damit auch jeder sein eigenes Zimmer hatte. Und abends gingen wir essen. Jeden Abend.

gute Mädchen kommen aufs Gymnasium

Ihr merkt, mir fehlte es an nichts. Alles war da. Alles war selbstverständlich. Könnte man jetzt annehmen. War es aber nicht. Denn nichts war selbstverständlich. Nichts  ist selbstverständlich. Und eben genau dies wurde mir schon ziemlich früh klar. Denn hinter all dem, hinter all unserem vermeintlichen Luxus, steckte harte Arbeit. Und so kam es nicht von ungefähr, dass wir uns all das leisten konnten. Auch wenn es für viele Leute so ausgesehen haben mag.

Während meine Brüder immer wilder wurden und nicht selten genug über die Stränge schlugen, war ich das liebe, kleine und brave Mädchen. Die rücksichtsvolle. Die verständnisvolle. Die gut erzogene. Ich bereitet meiner Mutter keine Sorgen. Meistens jedenfalls. Lag ihr Fokus doch auch darauf, mich „auf die richtige Bahn“ zu bringen. Sie ließ sich nicht reinreden. Konzentrierte sich auf mich und versuchte „alles richtig zu machen“. Und ich wollte es doch auch so sehr. Unabhängig sein. Mein eigenes Geld verdienen. So war ich fleißig und lieb und in der Schule lief auch alles reibungslos. Und so kam ich, wie sollte es anders sein, aufs Gymnasium.  Auf ein Mädchengymnasium. Ein Klostergymnasium. Mit guten Lehrern und Schülern aus gutem Elternhaus. Das bedeutete nicht nur sechs Jahre Latein bei Schwester Dorothea und damit verbundenes abgeschlossenes großes Latinum, sondern auch Biologie und Mathematik im Leistungskurs. Ich wollte es wissen. Und so absolvierte ich mein Abitur mit einer guten Note und ging studieren.

Willst du was werden – gehst du studieren!

Mit meinem Abizeugnis in der Hand stand ich nun da. Am letzten Schultag. Mit nem 1,9 Durchschnitt und keinem Plan was nun folgen sollte. Studieren, richtig? Das macht man so, oder? Also gut. So bewarb ich mich. In Köln. In Münster und in Bonn. Ich schrieb mich ein. Für BWL und für Medienwissenschaften. Und für weitere 5 Studienfächer. Sicher ist sicher.

Und dann kamen sie: die Absagen.

So stieg ich erst ein Jahr später dazu und immatrikulierte mich auf einer Hochschule für Medienmanagement. Warum das? Weil ich in diesem einem Jahr Leerlauf natürlich nicht untätig war und Unmengen an Praktika absolvierte. Im selben Jahr habe ich mir auch eine Wohnung gesucht und es geschafft mich selber zu finanzieren. Durch die Trennung meiner Eltern fiel von Seiten meines Vaters jegliche Unterstützung weg und nur ein eingeklagtes Minimum sollte mir zugeteilt werden. Und so ging ich nach den Vorlesungen noch arbeiten. Kellnern. 6 Tage die Woche. Jeden Abend. Und ja – es war hart. Verdammt hart sogar. Immer wieder die Kraft dafür zu finden. Die Konzentration zu haben. Die Power nicht zu verlieren. Es weiter durchzuziehen. Denn von nichts, da kommt nichts.

Es folgten viele Tiefen, aber auch einige Höhen und so hatte ich nach vier Jahren meinen Bachelor in der Tasche.

Generation Praktikum

Ich war mir sicher, ziemlich sicher sogar, gebraucht zu werden. Doch wo waren all die Unternehmen, die sich um mich rissen? Ich habe doch alles richtig gemacht. Ich studierte rasch, war fleißig, zielstrebig, sprach mehrere Sprachen und fühlte mich sehr gut ausgebildet. Also warum zum Teufel gab es keine Stellenausschreibungen auf die ich mich hätte bewerben können?

Stattdessen bot mir jeder Verlag, jede Werbeagentur, jedes PR Unternehmen „nur“ eine Praktikantenstelle an. Aber ich hatte doch schon Praxiserfahrung gesammelt. Was war los? Warum sollte ich nun als frisch gebackener Absolvent einer guten Universität inklusive gutem Abschlusszeugnis wieder ein Praktikum machen?

Was ich aber zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste war: der heutige Praktikant soll nicht bloß Erfahrungen für sein künftiges Berufsleben sammeln. Nein, er wird nur noch als eine einfach und billige Arbeitskraft eingesetzt. Früher galt ein  Praktikum als etwas Gutes. Es ging darum, herauszufinden, ob der Beruf zu einem passt oder nicht. Ich hatte mich aber doch schon längst für einen Beruf entschieden. Warum also sollte ich wieder ein Praktikum machen?

Verkehrte Welt

„Du musst dich erstmal beweisen“ sagten sie. Du sollst erstmal zeigen, wie hart du arbeiten kannst. Was du drauf hast. Mache dich unentbehrlich. Mache Überstunden und häng dich voll rein. Mache deinen Mund nicht auf. Habe keine eigene Meinung und verbiege dich. Damit du ihnen gefällst. Denn du willst ihnen ja gefallen. Schließlich locken sie dich mit einem befristeten Vertrag. Am Ende des einjährigen Praktikums. Versteht sich. Wenn du es denn auch gut machst und du dich durchsetzen kannst. Gegen die anderen fünf Praktikanten. Die es ebenfalls auf diese Position abgesehen haben und sich da durch zu beißen versuchen.

Und so verrichte ich als junger Akademiker für wenig Geld professionelle Arbeit. Immerhin hatte ich redaktionell gesehen den Jackpot gelandet. Ich bekam ein Volontariat angeboten. Weitere zwei Jahre „Ausbildung“ standen mir nun bevor. Aber auch hier galten dieselben Regeln für die eines Praktikanten. So ordnete ich mich unter und versuchte all dem gerecht zu werden. Und was taten sie? Sie nutzten es aus. Und nicht nur mich. Denn während mein ehemaliger Chef, täglich abwechselnd mit einem anderen Porsche zu Arbeit fuhr, erlaubte es mir mein winziges Gehalt, dass einem Hungerlohn schon sehr nahe kam, mir gerade einmal eine kleine Wohnung zu finanzieren. Das Bahnticket, welches mich zur Arbeit bringen sollte, konnte ich mir auch, eben gerade noch  leisten. Zeit und Kraft hatte ich allerdings nach einem 14 Stunden Tag nicht mehr und so blieb es mir verwehrt noch zusätzlich Geld zu verdienen. Meine Lebensqualität? Erreichte den Nullpunkt.

Rückgrat haben

Es mag sein, dass es mich besonders hart getroffen hat. Es mag sein, dass es einige Unternehmen gibt, die nicht so agieren. Die ehrlich, korrekt und loyal sind. Aber diese, lassen sich tatsächlich heutzutage an einer Hand abzählen. Und so sah die Realität damals für mich nun mal aus  und ich musste schmerzlich feststellen, dass ich zu der Generation Praktikum gehörte.

Noch heute bleibt es mir unerklärlich. Wie kann bitte so gut ausgebildeter Nachwuchs, wie wir es sind, die schon während des Studiums gelernt haben, ihre Zeit effektiv einzuteilen und organisiert und selbständig zu arbeiten, trotzdem im „Praktikumsloch“ feststecken? Das ist nicht nur langfristig für mich frustrierend, sondern auch den Unternehmen gehen langfristig gesehen, qualifizierte Arbeitskräfte verloren. Diese Rechnung würde niemals aufgehen. Und ich beschloss: So sollte ich nicht enden.

Und so wehrte ich mich und bäumte mich auf. Gegen meine ehemalige, weibliche, stellvertretenden Verlagsleitung. Warum ich das Adjektiv weiblich hier überhaupt eingefügt habe? Weil sie es auf mich abgesehen hatte. Und nicht etwa weil ich meinen Job schlecht ausgeführt habe. Oh nein. Das war nicht der Grund. Der Grund war reine Stutenbissigkeit. Ich war, in ihren Augen, eine Bedrohung. War ich doch viel jünger und hübscher. Und darüberhinaus auch noch so fleißig. Und dann wurde ich ungemütlich. Denn ich fing an mich zu wehren. Ich ließ es mir nicht mehr gefallen. Ich wehrte mich dagegen, wenn man mich an meinem einzigen freien Tag ununterbrochen anrief und mir Arbeit aufdrängen wollte und bei Verneinung anfing mich zu erpressen. Ja – es fühlte sich an wie „Erpressung“. Was sollte es sonst bedeuten, wenn dir jemand damit drohte, dass wenn du es jetzt nicht machen würdest du Konsequenten davon tragen musst?  Ja – und diese schlechten Karten, die hatte ich dann. Denn ich tat es nicht. Ich ließ mich nicht erpressen. Und so kam es, dass ich am nächsten Tag ins Chefbüro zitiert wurde.

Ja ich fing an mich zu wehren. Doch sie saßen am längeren Hebel. Sie alle. Und ich war machtlos. Mit meiner großen Klappe und dem Drang mich gegen diese Ungerechtigkeiten aufzubäumen, machte ich Fehler. Fehler, die sie gegen mich ausspielen sollte. Irgendwann fingen sie an zu sagen, ich würde nicht mehr 100% geben. Ich würde nicht mehr ehrgeizig genug sein. Und vielleicht – ja – vielleicht hatten sie damit sogar Recht. Ich verlor den Spaß an meiner Arbeit. Den Spaß am Schreiben. Und wechselte die Branche.

Neue Branche, neues Glück

Ich bekam die Chance als Filialleitung quer einzusteigen. Und ich bin heute noch dankbar für diese Möglichkeit. Da saß ich nämlich damals. Ziemlich resigniert. Hatte ich mir die Zukunft doch ganz anders vorgestellt. Dachte ich doch, mir würde nach Beendigung meines Studiums tatsächlich alle Türen offen stehen. Ein gut bezahlter Job. Ein Chef, der meine Arbeit anerkennen würde. Ziemlich naiv würde ich meinem jüngeren Ich heute gerne sagen.

Da saß ich damals. Nervös auf meinem Stuhl sitzend, meiner neuen Chefin gegenüber. Sie lächelte mich an und begrüßte mich herzlich. Sie gab mir einen Kaffee aus und ließ mich erzählen.

Und so erzählte ich ihr von meiner Vergangenheit. Von meinem Praktikum. Davon, wie unglücklich es mich machte und wie sehr ich mir eine richtige und ehrlichen Chance wünschen würde. Dass ich ihr gerne beweisen würde, dass ich es schaffen kann. Obwohl ich zuvor niemals im Einzelhandel tätig war. Das ich aber ehrgeizig und mutig genug dafür wäre. Dass ich es so gerne versuchen würde. Wenn man mich nur ließe. Dass, wenn ich diesen Job bekäme, sie nicht enttäuschen würde.

Sie glaubte an mich. Sie glaubte diesem naiven jungen Mädchen, dass diese Chance so sehr verdient hatte. Und ich enttäuschte sie nicht. Ganz im Gegenteil. Denn meine Arbeit wurde wertgeschätzt. Und das förderte meine Motivation.

 

Eure Teresa

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Hi ich bin Teresa. Studierte Medienmanagerin und leidenschaftliche Redakteurin. Meine Modeaffinität hat mich aber auch zwischenzeitlich mal die Branche wechseln lassen und so war ich zuletzt als Shopmanagerin bei Inditex tätig. Aktuell lebe ich aber ganz nach dem Motto: „Mein Alltag ist ihre Kindheit“. Ich versuche jeden Tag zu einem kleinen Abenteuer für uns zu machen. Mit einem tollen Mann an meiner Seite, einer wundervollen Tochter, die im Mai 2017 zur großen Schwester upgegradet wird, gestalten wir unseren Alltag so bunt wie möglich. So reisen wir gerne, ob durch Asien oder Europa. Und versuchen einfach immer wieder unseren persönlichen Interessen treu zu bleiben und sie gemeinsam auch zukünftig mit unseren Kindern zu vereinbaren. Kinder machen unser Leben nämlich nur noch lebenswerter: wir müssen es nur zulassen.