„Stillen ist das beste für dein Kind“ – Ja. Überall sehen wir es. Überall hören wir es. Überall lesen wir es. Und ganz ehrlich: ist es nicht schon beinahe abgedroschen? Fast schon überflüssig, es immer und immer wieder zu erwähnen. Denn wir alle wissen es doch. Wir wissen, dass es die beste Nahrung für unsere Babys ist. Oder? Gibt es dort draußen noch eine, ich drücke es mal vorsichtig aus, halbwegs intelligente Frau, die das nicht so recht weiß? Ja – die Medien beten es einem rauf und runter. Da dürfte es wohl kaum an irgendwem vorbei gehen. Magazine, TV und das Internet. Sie alle supporten das „Stillen von Geburt an“. Setzen sogar ein Limit von mindestens „die ersten sechs Monate“ und damit die Mütter unserer Welt unter knallharten Druck!

Stillen – so einfach, so schön

Stillen also. Das beste für unsere Kinder. Keine Frage. Auch ich stille meine Tochter. Und es ist toll. Ich liebe es. Es ist ja auch das Beste. Es ist das gesündeste. Und es ist das Schönste. Und soll ich euch noch was sagen? Es ist auch so unglaublich bequem. Natürlich nur dann, wenn es auch reibungslos klappt. Wenn es sich super eingespielt hat, zwischen Mama und Baby. Ja – dann ist es wirklich Gold wert. Und nicht nur in finanzieller Hinsicht. Aber bis dahin kann es auch ein langer, langer Weg sein. Denn unmittelbar nach dem Milcheinschuss beginnt für uns Mütter die harte Zeit, hier entscheidet sich alles und gerade beim ersten Kind ist eine gute und einfühlsame Hebamme alles was man braucht. Sie steht dir zu Seite, hilft dir durch die schwere Zeit. Denn ja – es kann richtig hart werden. Die Brust schmerzt. Sie schmerzt bei jedem Anlegen des Babys. Bei jedem Zug. So sehr, dass man die Zähne zusammen beißen muss, um nicht die Tapete von den Wänden zu kratzen. Man kühlt und wickelt. Man cremt und hofft. Und dann, plötzlich, nach ein paar Tagen, oder einige mehr, da ist es geschafft. Und alles läuft. Und nicht nur die Milch. Mein Glückwunsch an die Mütter, an die Ausnahmen, die nicht durch das Tal der Hölle mussten.

Und dann, bereits ein paar Wochen nach Entbindung, wurde es so wunderbar „einfach“. Denn egal wo, egal wann, Muttermilch steht immer zur Verfügung. Sie ist sofort da. Sie ist perfekt temperiert und sie ist alles was mein Kind gerade braucht. Und da macht es nichts, wenn das Kind alle zwei Stunden gestillt werden möchte. Denn es ist ja nicht mit viel Aufwand verbunden.

Nachts, dann wenn wir im Bett liegen und schlafen, muss ich nicht aufstehen und in die Küche flitzen, Wasser kochen und das Fläschchen zubereiten. Nein, ich kann liegen bleiben, mich lediglich zu meinem Kind drehen und stillen. Und kuscheln. So wunderbar gemütlich. Oft passiert es, dass wir dabei sogar wieder einschlafen bei. Ja, an dieser Stelle muss ich zugeben: ich bin sehr froh über diese Entwicklung. Sollte es bei meiner ersten Tochter doch ganz anders laufen.

Die Rabenmutter

Als Paulina drei Monate alt war beschloss ich, dass es doch langsam mal an der Zeit wäre, die eigenen vier Wände für einen wöchentlichen Kurs zu verlassen. Eine schöne Idee wäre an es doch an einem Babymassagekurs teilzunehmen. Dort vielleicht die ein oder andere nette Mutter kennen zu lernen, sich auszutauschen und Erfahrungen zu teilen. Ja, so saß ich eines Vormittages dann dort. In einem, eher ungemütlichen Gymnastikraum. Die betreuende Hebamme des Kurses hatte alles mit sehr viel Liebe, hergerichtet und all dem einen behaglichen Touch zu verleihen. Auf dem Tisch gab es Kekse und Getränke und der Raum war gemütlich geheizt. Es herrschte eine lockere Atmosphäre und alle sprachen wild durcheinander. Es wurde sich begrüßt, während sich die Babys in der Mitte des Raumes auf Turnmatten rumkugelten. Ja, da saß ich nun. In freudiger Erwartung auf ein paar nette Gespräche, die ich mit anderen Müttern endlich führen konnte.

So suchte sich zunächst jeder einen Platz rund um die Turnmatten, legte sich die Yogamatte zurecht und schlug das Handtuch auf, platzierten dort unsere Babys und tröpfelten Öl auf unsere Hände. Soweit so gut. Bis wir alle angefangen haben zu singen. So gar nicht mein Ding. Die Babys dagegen fanden es toll. Na gut, nur einige davon fanden es toll. Die anderen fingen an zu schreien. Manche weil sie keine Lust darauf hatten, andere weil sie plötzlich hungrig wurden.

Irgendwann auch Paulina. Ich schnappte mir also meine Tasche und legte los. In wenigen Handgriffen war alles ausgepackt. Das vorher zurecht gepackte und perfekt dosierte Milchpulver wurde in der Flasche, mit dem genau richtig temperierte Wasser aus der Thermoskanne zusammengemixt. Alles ging ganz flott. Der ganze Prozess vollzog sich nicht weniger langsam, als das Auspacken jeder Brust. Und während dieser so kurzen Zeit, spürte ich sie dennoch. Die Blicke der anderen Mütter. Teils missbilligend, teils mitleidig blickten sie zu mir.

Da war ich. In ihren Augen: die Rabenmutter

Flaschen Mamas haben es nicht einfach

Nicht stillen – Mütter, die diese Entscheidung treffen, müssen wirklich so einiges aushalten. Dem Baby die Brust zu geben ist nahezu ein Statussymbol in unserer Gesellschaft. Es ist das zumSymbol der liebenden und fürsorglichen Mutter geworden. Wer sich dem entzieht und das womöglich sogar noch freiwillig, muss sich damit abfinden, dass andere von einem denken nicht genug zu geben. Gegeben zu haben. Nicht genug zu lieben.

Ja, wenn ich immer wieder so lese, wie heftig Flaschenmütter angegriffen werden, schwanke ich oft zwischen entsetzt und wütend. Und wie so oft im Leben, wie bei so vielen Dingen, frage ich mich: „Warum geht es denn in so viele Köpfe nicht hinein, dass jeder Mensch verschieden ist?“ Dass in diesem Fall nicht jede Mutter ihre eigenen Gründe dafür haben darf. Dass jede Mutter in der Lage ist, eine Entscheidung zu treffen. Für sich oder für ihr Kind. Denn ob Wunschkaiserschnitt oder Nichtstillen. Die Gründe können so vielfältig und individuell sein, dass es ein pauschales Falsch oder Richtig dabei nicht gibt.

Und immer, ja immer wieder kommt das Totschlag-Argument: aber es ist doch „das Beste fürs Kind“.

Unser Weg

Die Geburt mit Paulina entsprach so gar nicht  meinen Vorstellungen. Vor einiger Zeit habe ich unseren Geburtsbericht verfasst, den ihr HIER gerne nachlesen könnt.

Zurück zu meinen Vorstellungen. Also, wenn ich denn überhaupt welche hatte. Eher fühlte sich meine erste Geburt an, wie eine Mischung aus Angst, Unwissenheit, Vorfreude und totaler Überrumpelung. Während es zunächst nach einer unkomplizierten natürlichen Geburt aussah, wurde es in den letzten Zügen zu einem Notkaiserschnitt.

Tja – blöd gelaufen. Und noch während ich im OP-Saal lag und unglaublich fror, wurde mir bewusst, dass ich es mir so, absolut nicht vorgestellt hatte.  Aber da lag ich nun und hatte jegliche Kontrolle über die Geburt meiner Tochter verloren. Nun – gut. Es hätte auch anders aussehen könne, aber so begann alles mit einem Kaiserschnitt. So begann alles, mit einer fehlenden Bondingphase, das so wertvolle Anlegen, direkt nach der Geburt. All das fiel weg. Und so lag ich da. Noch Tage später, voller Schmerz. Und damit war ich nun wirklich total überfordert. Wollte ich doch da sein für meine Tochter und hinderte der Schmerz mich das auch hundertprozentig durchzuziehen.

Es lief schief. Alles lief schief. Sie verlor an Gewicht und das Anlegen erwies sich als äußerst schwierig. Nach nicht mal 6 Wochen inklusive 2 Wochen stillen, abpumpen und zu füttern, stillte ich ab.

Schlechte Gewissen

Und ja – auch ich fühlte mich schlecht. Zunächst. Mein schlechtes Gewissen und das Gefühl nicht alles gegeben zu haben prallten aufeinander. Mein Kind musste also auf den Supercocktail „Muttermilch“ verzichten. Sollte es doch das Übermittel sein gegen Übergewicht, Diabetes, Allergien des Kindes und Brustkrebs. Mal ganz zu Schweigen von dem Seelenheil meines Kindes, das ich nun auf dem Gewissen hatte. Die enge Bindung zueinander, die wir beim Stillen aufbauen sollten, der Grundpfeiler für spätere psychische Stabilität, fand nicht statt.

Aber nein, ich hatte nicht versagt. Es hat einfach nur nicht geklappt. Und bei all den Schuldgefühlen und all dem schlechten Gewissen traf ich diese Entscheidung damals zu 100%. Denn ich entschied: es gibt kein richtig oder falsch. Mein seelisches Wohlbefinden war mir wichtig und ich wusste, ganz genau, was für mich und für mein Baby das richtige war. Und für uns war es damals das Richtige abzustillen. Für mich und Paulina.

Mehr Empathie auf beiden Seiten

Entscheidet sich eine Mutter bewusst gegen das Stillen, ist es wichtig ihren Entschluss zu respektieren. Ob zu wenig Milch, eine entzündete Brust oder psychische Probleme – es gibt viele Gründe, warum Mütter Ihrem Baby nicht die Brust geben können oder vorzeitig abstillen müssen. Und wisst ihr was? Industriell produzierte Säuglingsnahrung ist gar nicht so eine schlechte Alternative zur Muttermilch. Manche Stoffe wie die schützenden Antikörper sind zwar darin nicht enthalten, aber auch sie liefert dem Baby, was es zum Größerwerden braucht.

Wir Mütter müssen also kein schlechtes Gewissen haben, wenn es mit dem Stillen nicht klappt, dürfen uns aber freuen und es offen zeigen, wenn es gut funktioniert. Also auch Schluss mit den verstörten und diskriminierenden Blicken und Worten gegen Langzeit Stillmamis. Auch diese haben ihre Entscheidung getroffen.

Für ein liebevolleres Miteinander, als ein zerfleischendes Gegeneinander.

Eure Teresa

 

 

Hi ich bin Teresa. Studierte Medienmanagerin und leidenschaftliche Redakteurin. Meine Modeaffinität hat mich aber auch zwischenzeitlich mal die Branche wechseln lassen und so war ich zuletzt als Shopmanagerin bei Inditex tätig. Aktuell lebe ich aber ganz nach dem Motto: „Mein Alltag ist ihre Kindheit“. Ich versuche jeden Tag zu einem kleinen Abenteuer für uns zu machen. Mit einem tollen Mann an meiner Seite, einer wundervollen Tochter, die im Mai 2017 zur großen Schwester upgegradet wird, gestalten wir unseren Alltag so bunt wie möglich. So reisen wir gerne, ob durch Asien oder Europa. Und versuchen einfach immer wieder unseren persönlichen Interessen treu zu bleiben und sie gemeinsam auch zukünftig mit unseren Kindern zu vereinbaren. Kinder machen unser Leben nämlich nur noch lebenswerter: wir müssen es nur zulassen.