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Bali // Die Verteidigung einer Insel

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„Ihr wart noch nie in Bali? Bali ist wunderschön, ihr werdet die Insel lieben, wartet’s nur ab!“ – „Bali? Unglaublich, wie dreckig es da ist! Die verbrennen ihren Müll echt auf offener Straße!“ – „Ja, richtig, Bali, da waren wir auch… naja, das mussten wir ja irgendwie mitnehmen, vom Hocker gerissen hat’s uns jetzt nicht…“

So sehen es die anderen. Und was ist mit meinem Bali? Unserem Bali? Dem Bali unserer Träume? Manchmal haben wir das Gefühl, Bali war nur eine irre morgendliche Idee meiner Frau.

Bali ist ein einziges Klischee.

Die Insel kann all den Erwartungen, die an sie gestellt werden, gar nicht gerecht werden.

Was können diese grünen Vulkane im indischen Ozean für „Eat, Pray, Love?“ mit Julia Roberts in der Hauptrolle? Was können sie für unsere Wünsche? Für all die Fantasien, an denen sich gerade unsere Weltreise kristallisiert hat? Bali war unser erstes und am längsten feststehendes Ziel, ein Ort, der genauso nach Ferne klingt wie Timbuktu oder die Malediven. Wir haben eines Morgens, noch halb im Traum, unsere Ankunft in Bali geplant. Natürlich hatten wir Angst vor der Realität.

Wir können euch nur einen Rat geben: Wenn ihr euch auf ein Urlaubsziel besonders freut, ihr aber insgeheim Angst habt, es könnte ein wenig spät sein für die Reise, weil der Hype um die Gegend vielleicht schon etwas zurückliegt, dann fragt niemanden, der da war, nach seiner Meinung. Ihr bekommt ungefähr so viele Eindrücke, wie ihr Personen befragt – manchmal sogar noch ein wenig mehr. Am Ende bleibt nur noch bange Angst vor dem Moment der Wahrheit.

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Der Moment der Wahrheit

Unser erster Gedanke, als wir aus dem Fenster unseres Taxis blicken: Krass, ist das hier anders. Nach dem dreckigen, unzugänglichen Jakarta ist es für uns eine richtige Erleichterung, westliche Werbung zu sehen und tatsächlich Touristen zu begegnen. Selbst die normalerweise dröge Fahrt vom Flughafen ins Hotel ist für uns ein Abenteuer: Elegante Palmen, die sich in blauen Himmel recken wie andernorts Birken. Hindu-Tempel, deren Steinzinnen über und über verziert sind mit grimmigen Fratzen, auf denen die samtige Sonne mit Licht und Schatten malt.

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Am Straßenrand stehen, achtlos nebeneinander aufgereiht, die schönsten Holztüren, die wir je gesehen haben; für Preise, die uns ernsthaft grübeln lassen, wie sich wohl zwei Torflügel verschiffen ließen. Plötzlich kommen vier gigantische weiße Pferde in unser Blickfeld. Sie ziehen eine Kutsche, die einen kompletten Kreisverkehr ausfüllt und auf der zwei Ritter miteinander kämpfen. Die Satria Gatot Kaca genannte Statue schützt die einfliegenden und wieder abreisenden Gäste der Insel und demonstriert eindrücklich, was für einen Stellenwert die Spiritualität auf Bali hat. Vor lauter Erstaunen vergessen wir zu fotografieren. Der Verkehr schlängelt sich unbeeindruckt durch dieses Paradies.

Der erste Abend in Ubud

Im vermeintlich touristischen Ubud steigen wir aus, gehen in ein kleines Gässchen, das von einem Kanal durchzogen wird und stehen plötzlich einer riesigen Ganesha-Statue mit gelbem Rock gegenüber, die uns gütig grüßt. Ebenso freundlich werden wir von unseren Gastgebern empfangen. Im Garten unter dem Mangobaum riecht es nach Räucherstäbchen und über den verwinkelten Gassen rufen die Geckos in der einsetzenden Dunkelheit. Besonders überlaufen kommt es uns nicht vor, das angebliche Szene-Städtchen der Insel.

Abends schlendern wir durch die Stadt und blicken in die Schaufenster der edlen Boutiquen, die sich zwischen den allgegenwärtigen Tempeln eingerichtet haben. Sie zielen auf wohlhabende Kunden, die sich einmal im Jahr wie ein waschechter Aussteiger fühlen wollen. Ubud ist ein bisschen wie Sylt für Hippies. Aber das ist nicht unbedingt schlecht – wir müssen ja keine überteuerten Yogahosen und unechte Kunst kaufen. Gerade wegen der klischeehaften Angebote kommt bei uns plötzlich Urlaubsgefühl auf. Ein bisschen fühlen wir uns, als ob wir eine Auszeit vom Reisen nehmen würden: Bali ist teuer, bietet dafür aber Annehmlichkeiten wie rohveganes Essen oder den Sojakaffe to go wie in Berlin. Soweit die bequeme Seite der Insel. Am Ende unserer Straße befindet sich jedoch etwas, das wir in Berlin nie gesehen hätten.

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Vom Affenwald ins Reisfeld – Attraktionen in Bali

Am Ende eines abschüssigen Weges, liegt, gesäumt von Affenstatuen, das Sacred Monkey Forest Sanctuary von Ubud. Um die 600 Tiere leben hier in festen Gruppen – und Pfleger wie Besucher füttern fleißig Süßkartoffeln, damit das so bleibt. Es gibt riesige Lianenbäume, langsam im Grün schwindendes Licht und eine uralte Drachenbrücke, die sich über einer Kluft wie aus dem Dschungelbuch erhebt. Ein kleines Affenbaby findet unsere Kleidung interessant und traut sich nah an uns heran, bis wir ihm die Hand streicheln können. Die Ähnlichkeit zu Lolas Hand überwältigt uns.

Es gibt Berichte von Menschen, die von den Affen bedrängt oder gebissen wurden. Wir können das nicht bestätigen, zumal wir uns genau an die Regeln halten, um die Tiere nicht zu reizen. Viel eher haben wir das Gefühl, dass hier eine Symbiose zwischen Mensch, der Geld verdienen, und Affe, der in Sicherheit leben möchte, geschaffen wurde. Die Tiere hier sind frei, in dem was sie tun, und das macht eine Begegnung mit ihnen so besonders.

An den nächsten zwei Tagen mieten wir uns mit einer befreundeten Familie einen ortskundigen Chauffeur und unternehmen Touren, bei denen sich die Highlights die Klinke in die Hand geben: Am Tempel Pura Tirta Empul nehmen wir an den heiligen Waschungen teil und spülen unsere Sorgen und Probleme weg. Das Wasser aus der dortigen Quelle ist unzweifelhaft das beste und süßeste, das wir je getrunken haben. Würde es verkauft und nicht umsonst abgegeben – namhafte Marken wären binnen Wochen pleite.

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Wir bestaunen Wasserfälle und die Elefantenhöhle Goa Gajah, die keinen Elefanten darstellt, sondern einen wilden Dämon. Schließlich wandeln wir durch die sattgrünen Reisfelder von Jatiluwih mitten im Herzen von Bali, die so schön sind, dass wir sie am Abend vor unserem inneren Auge immer noch grün glühen sehen.

Unser Fahrer bringt uns zu heißen Quellen, die sich fast unauffindbar in den Vulkanhängen verstecken und nur von Einheimischen besucht werden. Wir fühlen uns wie Entdecker, als unsere vom Wandern angestrengten Muskeln sich im Wasser entspannen. Über die fast menschenleeren Szenerie ergießen sich mehrere Wasserfälle wie in einem James-Bond-Film. Dennoch brechen wir bald wieder auf, zu den drei kleinen Gili-Inseln, die sich zwischen Bali und der Nachbarinsel Lombok im Meer ducken.

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Unser ganz persönliches Paradies – die Gili-Inseln

Nach mehreren Monaten in Asien hatten wir die Hoffnung schon aufgegeben, sauberen Strand und klares Wasser zu finden. Dann schlägt unser Schiff knirschend auf den weißen Sand von Gili Trawangan auf. Wir kraxeln vom Boot direkt auf die Insel. Einen richtigen Hafen gibt es hier nicht. Unter uns im Wasser schwimmen bunte Fische, und die Luft ist genau richtig warm.

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Alle Strandbars rund um die Insel sind anders gemütlich. Wir lassen uns in bunte Sitzkissen fallen und schauen den Wolken über Bali und Lombok hinterher, bis der Sonnenuntergang uns alle in seinen Bann zieht. Gemeinsam schaukeln wir unter Lichtern in den Bäumen zu Livemusik, um dann weiter ins Freiluftkino direkt am Meer zu wandern, während nebenan eine Feuershow stattfindet. Viel paradiesischer kann das Leben nicht sein – endlich sind wir an einem Ort, der sich so anfühlt wie unsere Wunschvorstellung einer Hippie-Trauminsel, die wir uns in Deutschland ausgedacht haben. Hier gibt es sogar drei davon.

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Täglich kann man für schmales Geld in einer halben Stunde von Mini-Insel zu Mini-Insel schippern. Jede der Gilis hat ihr eigenes Flair: Gili Trawangan ist die Party-Insel, dort gibt es vom Yoga-Aschram bis hin zur Bar im Pool alles, was sich Südseeträumer so vorstellen. Gili Meno hingegen ist sehr ruhig, fast schon verschlafen, ein Ort zum Heiraten mit einer Garantie für einmalige Hochzeitsfotos. Auf Gili Air herrscht ein fast schon familiäres Klima, einmal abgesehen von den zahlreichen Restaurants, die ihre speziellen „Mushrooms“ anbieten. Allesamt liegen sie im türkisblauen Indischen Ozean, der uns erst zu Schnorchlern und Olaf dann zum Taucher hat werden lassen. Wir schwimmen blauen Seesternen und wildgemusterten Fischen hinterher und beobachten die fast schon unheimlich häufig auftauchenden Meeresschildkröten. Die Gilis sind wie ein tropisches Hochhaus, in dem sich alles verbirgt, was die Natur zu bieten hat.

Wir würden hier auch ein halbes Jahr verbringen.

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Warum es das „eine Bali“ nicht gibt

Bali, die Insel der Götter. Mystisch, mafiös. Verdreckt, verwunschen. Einzigartig, kommerziell. Wie kann es sein, dass es so viele unterschiedliche Balis zu geben scheint? Unsere einzige Erklärung dafür ist die schlichte Größe der Insel und all die unterschiedlichen Ecken, die es zu entdecken gibt und dass wir in nicht in der Hauptsaison, sondern kurz vor der Regenzeit Ende November dorthin gereist sind. Weil wir schon so viel Negatives gehört hatten, haben wir die meisten balinesischen Strände ausgelassen und uns die Zeit für die tatsächlich paradiesischen Gilis aufgespart. Mittlerweile können wir gar nicht mehr glauben, dass all das echt war.

Jeder erlebt sein eigenes Bali. Wann immer sich diese Insel normal anfühlt, seid ihr in der falschen Richtung unterwegs: Ganz zum Schluss unseres Aufenthaltes machen wir auf dem Weg nach Uluwatu am berühmten Surferstrand Kuta Beach Halt. Die Restaurants in der Nähe sind überteuert, der Strand selbst klein und überlaufen und auf dem Meer gibt es nicht einmal Wellen! Hier erleben wir tatsächlich keinen Zauber, sondern nur eine ganz normale Touristenattraktion.

Der Kecak-Tanz im Uluwatu-Tempel hoch über den tosenden Klippen am Meer hingegen übertrifft all unsere Erwartungen: Feuerbälle, bunte Kostüme und ohrenbetäubender Gesang aus zahllosen Männerkehlen. Selbst als es zu gewittern beginnt, hält es uns auf unseren Plätzen. Durchnässt, aber überglücklich verabschieden wir uns von einem besonderen Ort.

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Unser Bali ist letztlich nur eine Spielart, eine Variante der Insel, auf der es auch Klischee-Schattenseiten wie die Speedboot-Mafia oder extreme Umweltverschmutzung gibt. Letztlich gilt für alle Reisenden, was für uns auch gegolten hat, bevor wir aufgebrochen sind: Ihr könnt euch so viele Berichte durchlesen, wie ihr wollt – ihr müsst einfach aufbrechen und es selbst erleben.

Josi und Olaf Bernstein

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