Auf Weltreise mit Kind – alltägliches Abenteuer

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Eines Morgens weckt mich Josi mit den Worten: „Olaf, wir müssen nach Bali!“ Ich weiß nicht einmal, wo genau Bali liegt, oder zu welchem Land es gehört. Aber es klingt genauso exotisch, wie wir uns unsere Weltreise vorstellen. Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen und sehe unsere kleine Tochter Salome an, die noch schläft.

Mein erster Gedanke ist: „Wir haben uns doch gerade erst vor einer Woche ein neues King-Size-Bett gekauft. Wie können wir da nach Bali?“ Mein zweiter Gedanke ist: „Warum bin ich eigentlich vor meiner Tochter wach?“ Ein Tag, an dem sie mir nicht mit der Hand ins Gesicht patscht, um mich zu wecken, ist kein guter Tag.

Josi neigt dazu, ihre besten – und manchmal irrsten – Ideen gegen fünf Uhr morgens zu haben, wenn der beeindruckende Geist, der nachts ihren Kopf beherrscht, seine Denkresultate an die Welt übermitteln will. Leider ist es für meinen morgens eher minderbemittelten Verstand sehr schwer zu entscheiden, ob hier eine gute oder eine irre Idee zu mir spricht.

Vor zwei Tagen haben wir geheiratet. Eine Heirat droht einem damit, das Haus mit gigantischen Eismaschinen und heißen Steinen vollzustellen, wenn man nicht aufpasst. Sie ist eine goldgerahmte Einladung zur Häuslichkeit. Zwei eismaschinenfreie Tage später bricht sich also unser Fluchtinstinkt Bahn.

Jetzt liege ich hier in einer Hängematte auf Ko Lanta in Thailand, höre den Regen auf das Bambusdach unserer kleinen Hütte prasseln und das Meer im Hintergrund leise rauschen – es ist Flut – und denke, dass es keine irre, sondern eine großartige Idee war, Deutschland für ein Jahr zu verlasen. Aber wenn man erst mal unterwegs ist, ist es auch einfach, so zu denken.

Wir können machen, was immer wir wollen: bloggen, instagramen, Zeit mit unserem Kind verbringen und uns dabei als Paar weiterentwickeln. Unterwegs haben wir für uns herausgefunden, dass Ehe nicht Häuslichkeit bedeutet, sondern Zusammenwachsen. Dieses Zusammenwachsen wollten wir nicht im Rahmen eines geschützten Hauses erleben, indem wir unsere Eierbecher zählen und die hässlichsten dann aussortieren, wenn es gut läuft – sondern während eines gemeinsamen Abenteuers.

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Wirklich unterwegs war man erst, wenn man Geschichten über das Erlebte erzählen kann, die sich von deinem Alltag zu Hause doch stark unterscheiden. Mitten im Nationalpark auf Cat Ba in Vietnam platzte uns beispielsweise der Hinterreifen unseres Rollers, was sich so anfühlt, als wäre man auf Schmierseife unterwegs. Selbstredend setzte in eben jenem Moment die Dämmerung ein, die sich in Südostasien so anfühlt, als hätte Gott mal eben den Lichtschalter umgelegt und wäre ins Bett gegangen. Wir eierten also, das Problem notgedrungen ignorierend, dem nächsten Örtchen entgegen. Der ersten Gesellschaft, der wir begegneten, schilderten wir mit Händen und Füßen unser Problem. Alle wiesen uns den Weg zum Klo. Niemand sprach Englisch. Wir versuchten es zunehmend verzweifelt weiter, bis wir schließlich durch Armwegweiser im dortigen Onkel-Nguyen-Lädchen landeten, der gleichzeitig die Dorfschrauberei war. Während Lola von der dortigen Familie adoptiert wurde, fanden sich immer mehr Nachbarn ein, die gerade „zufällig“ auf dem Roller vorbeigefahren kamen, um Waschpulver oder Frühstückseier zu kaufen, die im Laden angeboten wurden. Am Ende waren wir vom Straßenfest nicht mehr weit entfernt. Unnötig zu sagen, dass der Roller am Ende besser aussah als jemals zuvor – für einen wirklich großzügigen Preis.

Solche Storys klingen gut, fühlen sich aber, wenn man sie erlebt, erst einmal furchtbar an. Sie sind auch weitaus angenehmer, wenn man sie nur aufschreiben muss.

Im King-Size-Bett schläft jetzt ein amerikanisch-russisches Paar, an das wir unsere Wohnung in Berlin untervermietet haben. Unsere persönliche Bettsituation ändert sich alle paar Tage, was durchaus angenehm ist. Wir setzen mental keine Spinnweben an; und das Packen unserer Siebensachen geht mittlerweile in sieben Minuten.

All unsere Ängste haben sich zerstreut, denn mitten im Abenteuer fühlt sich das Abenteuer plötzlich gar nicht mehr abenteuerlich an, sondern real. Alles, was vorher fern und exotisch wirkte, ist jetzt nah und erfahrbar. Man tritt ja nicht ständig auf giftige Tiere, wird nicht permanent von Tropenkrankheiten geplagt und trinkt auch kein verseuchtes Wasser. Das Leben hier ist dem Leben in Deutschland bedeutend ähnlicher, als wir dachten – auch wenn es kulturell ein komplett anderes ist. Aber auch hier gibt es U-Bahnen, vegane Restaurants und schnelles Internet (manchmal sogar schnelleres Internet als zu Hause).

Salome nimmt das Besondere, das uns umgibt, als Alltägliches wahr. Ein monströser Tempel auf einer giftgrünen Bergspitze, ist für sie genauso interessant wie die Pfützen auf dem Weg davor. Sie lehrt uns die Gleichwertigkeit von Sightseeing und dem Bewundern einer Blume. Überhaupt kommen wir mit ihrer offenen Art leicht in jedes Land – sie ist der Icebreaker schlechthin. Sie muss nur versuchen, den viel zu schweren Rucksack französischer Backpacker aufzusetzen – schon ist man im Gespräch. Wenn Lola sich bemüht, die Strohhalme taiwanesischer Studenten in der Main Station von Taipei zu klauen, stellt sich heraus, dass sie gerade ein Austauschjahr in Deutschland gemacht haben. Haben wir sie einen Moment nicht im Blick, wird sie von einer vietnamesischen Omi adoptiert, die uns zum Abschied sogar ihren Namen und ihre Adresse aufschreibt, damit wir sie auch ja wieder besuchen kommen.

Ein großer Vorteil bei all den Erfahrungen, die wir machen, ist unsere flexible Reiseroute. Wir reisen vielleicht langsamer als alleine oder zu zweit, aber wir kommen viel direkter in Kontakt mit den Orten, die wir besuchen. Bali, unsere irre Idee, ist dabei nicht das Ziel unserer Reise, aber es steht nach wie vor auf unserer Liste – als Platzhalter für all die Abenteuer, die uns als Familie an so vielen interessanten Orten noch erwarten. Wir wollten die Welt sehen – das machen wir jetzt einfach.

Autorenvita:

Josi, Olaf und Salome Bernstein

Wir haben all unseren Mut eingepackt und sind dabei herauszufinden wer wir sind und wie wir als Familie leben wollen. Wir drei sind für ein Jahr in Südostasien unterwegs – auf Forschungsreise zu uns selbst.

Josi, Olafs und Salomes Blog findest du auf : http://backpackbaby.de

Ihr Instagram Account heisst: backpack_baby