Oder aber einmal Hölle und zurück. In den Zwanzigern so heißt es, ist man in der Blütezeit seines Lebens. Meine Zwanziger sehen ein wenig anders aus als die, so vieler anderer. Ich pflege zu sagen, es gibt zwei Leben die mich prägten, eines vor dem Verlust meiner Tochter und eines danach. Als ich 24 Jahre alt war, stand ich im Arm meines Mannes am Grab unserer Tochter. Ihr weißer Sarg stand mit roten Rosen umhüllt vor uns. Aus dem CD-Player des Redners lief Musik. Ich kann mich bis heute nicht an deren Melodie erinnern. Ich spüre jedoch den Wind an meiner Haut und erinnere mich an die Worte die uns gesagt wurden. „Ihre Tochter ist nun fort, unverständlich für Jeden von uns, aber ich versichere Ihnen, ihre Tochter ist überall, wo immer sie sie sehen möchten – spüren sie den Wind oder die warme Meeresbriese. Überall wird sie Ihnen begegnen.“ In diesem Moment tanzte ein Vogel im Baum und übertönte meine Tränen. Der Wind zog auf und ich wusste, jetzt ist sie da. 

Ich habe schon viele Worte benutzt um dem Verlust unserer Tochter Ausdruck zu verleihen und nie bin ich mir sicher, ob ich euch das nahe bringen kann, was es wirklich bedeutete. Am 18. April 2014 kam unsere Charlotte auf diese Erde. Still. Leise. Für viele unbemerkt. Nach vier langen Tagen Wehenkampf lag sie da zwischen meinen Beinen und es passierte, so wie uns vorhergesagt, nichts. Der Kreissaal blieb stumm.

Das Erste was in deinen Gedanken auftaucht, ist die große Frage, Warum? Warum sie? Warum ich? Warum wir? Unsere Charlotte verstarb in der knapp 30. Ssw und es gibt bis heute keinen Grund weshalb. Im Mutterpass zeichnet ein fetter intrauteriner Fruchttod das Ende unserer Schwangerschaft. Der Arzt der Charlotte damals obduziert hatte erklärte uns nüchtern, „ihre Tochter war gesund, ich kann ihnen keinen Grund nennen. Es ist eben wie der plötzliche Kindstod, dafür gibt es keine Erklärung.“. Lange gab es Momente in denen ich den alten Mutterpass, die alten Unterlagen und den Obduktionsbericht hervorkramte in der Hoffnung, endlich den erlösenden Grund zu finden. Nichts. Ich fand einfach nichts. Und genau da fing sie an, eine der größten Herausforderungen meines Lebens. Zum einen, mit dem Verlust meiner Tochter fertig zu werden und viel mehr aber, zu lernen, zu akzeptieren, dass es Dinge im Leben gibt, für die es keine sichtbaren Gründe gibt. Auch dann nicht, wenn man wie wild danach sucht. Und dann, dann wird es zur Aufgabe sich selbst neu zu finden. Das Leben wieder wahr zu nehmen und die Reise anzutreten. Die Reise heißt nicht, die Wege zurück zu gehen und neu beginnen, sondern, neue Wege zu erkunden. Meine Reise zu der Person die ich heute bin, war eine Lange. Eine Schwere. Eine Steinige. Eine, die mich manchmal immer wieder zum verzweifeln brachte. Und heute weiß ich, alles im Leben hat seinen unsichtbaren Grund. Auch, wenn wir es manchmal auf den ersten Blick nicht sehen können. Charlottes Tod war die schlimmste Erfahrung meines Lebens und dennoch, ist er mein größter Besitz.

Charlotte hat mir gezeigt, wer ich wirklich bin. Charlotte hat mich zu dem Menschen werden lassen, den ich heute jeden Morgen im Spiegel erblicken darf. All die Höhen und Tiefen der letzten Jahre waren unfassbar anstrengend aber aus heutiger Sicht unfassbar wichtig und gut. Kostbar. Besonders. Reinigend. Und wenn mein altes Ich das nun lesen würde, bin ich mir sicher, würde es den Kopf schütteln und unglaubwürdig den Computer schließen. Damals war ich nicht so weit wie heute, meine Welt war eine andere. Lange glaubte ich, meine Seele könnte erst dann heilen, wenn ich so schnell wie möglich wieder schwanger werde. Das wurde ich dann auch, im Oktober 2014 leuchteten mir zwei rote Striche auf dem Schwangerschaftstest entgegen. Yes! Jetzt wird alles gut. Nein. Wurde es nicht. In der zehnten Woche zog dieses kleine Wesen zu seiner Schwester auf den Stern. Warum? Warum immer ich. Heute weiß ich, die Zeit war nicht reif. Meine Seele war nicht bereit. Unsere Partnerschaft war es nicht. Eine Partnerschaft in so jungen Jahren zu führen und dann dieses Schicksal zu erleben und zu durchleben, ist eine unfassbare Prüfung und ich weiß, viele scheitern. Scheitern an der Trauer. Zerbrechen am Schmerz. Mein Mann, war der größte Halt, damals wie heute. Aber es war nicht einfach und es gab mehrere Momente, wo es so aussah, als wäre das nun auch unser Ende. Ich kann von Glück sprechen, dass mein Mann bereit war, diesen Weg mit mir zu gehen. Ich weiß, dass das absolut nicht selbstverständlich war und ist. Heute führen wir eine Partnerschaft von der ich überzeugt, arrogant und selbstbewusst behaupte, dass wir alles schaffen. Nicht, weil wir bereits etwas gemeistert haben, sondern weil ich weiß, dass mein Mann meinen Weg mit mir geht. Nicht immer im selben Tempo aber immer teilen wir uns die Straße. Und wenn ich an dieser Stelle einfügen darf, das größte Geheimnis ist, sprecht miteinander, reflektiert euch und seid ehrlich zu einander, auch dann, nein gerade dann, wenn es furchtbar schwer wird. Ich zitiere so gerne, „in guten Zeiten Händchen halten, können sie alle. Die Hand in schlechten Zeiten nicht loslassen, ist das was zählt.“ Und wer immer mich fragt, was kann ich gegen diesen furchtbaren Schmerz, diese grässliche Trauer tun, erhält die Antwort – lass es zu! Immer und immer wieder. Vor allem für mich, war es wichtig Jemanden an meiner Seite zu wissen, der mir aus professioneller Sicht Input gibt und mir ein wenig Luft zum Atmen schickt.

Meine Therapeutin trägt wohl gleichermaßen dazu bei, dass es nun ist wie es ist. Und weshalb erzähle ich all das? Ich erzähle darüber, weil ich davon überzeugt bin, dass es viel zu viele Seelen auf unserer Welt gibt, die nie gelernt haben über Dinge zu sprechen, die immer noch der Meinung sind im stillen Kämmerchen sind viele Dinge einfach besser aufgehoben. Mag für den Moment und die jeweilige Person zutreffen aber ich bin davon überzeugt, dass wir nur dann wachsen können, wenn wir die Dinge beim Namen nennen. Mich sprechen manchmal Frauen an die bereits sechzig Jahre oder älter sind. Sie erzählen mir mit Tränen in den Augen, wie sie damals ihr Kind still zur Welt bringen mussten und sie nie die Chance hatten ihr Kind zu sehen. Nach diesem Erlebnis wurde nie wieder über dieses Thema gesprochen. Ich sehe den Schmerz in ihren Augen und viel mehr, eine tiefe Untröstlichkeit spiegelt ihr Wesen. Ich möchte, dass es endlich kein Tabu mehr ist über Trauer und deren Intensität zu sprechen. Es ist so wichtig alle Facetten der Trauer zu spüren und zu erleben. Es gibt keine Heilung ohne das Bewusstsein für die Situation. Viele Menschen rieten mir: „ach du bist so jung, du kannst ja noch viele Kinder haben.“ Und genau da liegt der Knackpunkt. Es geht nicht um irgendein Kind. Es geht nicht darum etwas zu ersetzen oder darum etwas auszulöschen. Charlotte ist unsere erstgeborene Tochter und wird es immer bleiben. Sie hat ihren Platz in unserem Leben und kein anderes Kind wird diesen je einnehmen. Von Dezember 2014 bis August 2017 wurde ich nicht wieder schwanger. Zunächst, weil wir es nicht mehr wollten und dann, weil es einfach nicht mehr klappen wollte. Die Ärzte sagten uns dann – „ohne künstliche Hormone werden sie kein weiteres Kind bekommen.“ Ich bin mir sicher, es lag nicht nur an meinen Hormonen, sondern viel mehr daran, dass unsere Seelen nicht bereit dafür waren. Eine Folgeschwangerschaft nach einer Totgeburt ist eines der anstrengendsten Wagnisse die man wieder eingehen kann. Und auch wenn du es so sehr willst – die Psyche fordert dich ungemein. Ich wollte so gerne endlich wieder ein Kind unter meinem Herzen spüren doch dann wurde mir bewusst, dass ich mein Glück niemals davon abhängig machen sollte.

Es gab nur schwarz und weiß in meinem Leben. Nichts dazwischen. Dabei war mein Leben längst voller Farben. Ich plante unsere kirchliche Hochzeit, beruflich fand ich endlich wieder Fuß und mein Körper heilte auch äußerlich endlich. Dass das größte Glück bereits in meinem Herzen wohnte, begriff ich lange Zeit nicht. Ich konnte es einfach nicht sehen. Als ich mit meinem Mann mal wieder auf einer Reise war, blickte ich hinab aufs Wasser, spürte seine Hand in meiner und außer uns beiden, war da nichts. Nur die Schönheit dieser Welt, unsere Liebe und wir. Und dann wusste ich, alles was ich brauche ist da. Ich trage die Liebe im Herzen, die Liebe zu meinem Mann, zu meiner Tochter bei den Sternen und vor allem aber, ich trage die Liebe zu mir selbst immer bei mir. Ich bin angekommen. Ich bin geerdet. Ich bin im Reinen. Mit mir, der Vergangenheit, der Gegenwart und bereit für die Zukunft ohne sie zu verplanen. Das Leben wird uns führen. Es kommt wie es kommt. Gemeinsam mit meiner Frauenärztin entschieden wir, im September 2017 mit der Hormonbehandlung zu beginnen. Wir versuchten es und ließen das Leben entscheiden. Im August 2017, zwei Wochen vor unserer kirchlichen Trauung hielt ich einen positiven Test in meinen Händen. Einfach so. Einfach so stand da SCHWANGER. Drei Jahre nach dem wir unsere Tochter zu den Sternen ziehen lassen mussten, begann nun also eine neue Reise. Eine Reise zu unserem Folgewunder. Unserem Regenbogenbaby. Ein Regenbogenbaby ist ein Kind das geboren wurde, nachdem eine Mutter ihr Baby verloren hat. Wie im Leben selbst, folgt nach einem Regen, ein strahlender und wunderschöner Regenbogen. Die Schönheit eines Regenbogens, kann den Schaden eines Sturms nicht nehmen und es heißt nicht, dass der Sturm nie passiert ist – es bedeutet, dass etwas Schönes, helles im Nebel von Dunkelheit und Wolken auftaucht. Sturmwolken mögen noch immer da sein, aber der Regenbogen stellt das Gegengewicht von Farbe, Energie und großer Hoffnung dar.

Heute. Einige Monate weiter, strampelt dieses kleine Wunder in meinem Bauch und erfüllt mich mit großer Dankbarkeit und Liebe. Diese Schwangerschaft ist geprägt von Hoffnung und Angst. Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, die Zuversicht ist allgegenwertig. Es ist schwer. An manchen Tagen mehr, an anderen weniger, aber ich weiß, jeder Tag der anbricht, ist es wert. Ich genieße, ich erlebe und ich bin voller Dankbarkeit. Nichts von alle dem was ich erleben darf ist selbstverständlich, es ist das aller größte Geschenk und heute weiß ich, alles im Leben hat seinen Grund. Ich versuche mich treiben zu lassen. Hoffnungsvoll aber nicht verbissen zu sein. Nun bin ich bereit für die neuen Wege die aufkommen werden. So sehr bereit!

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Hi ich bin Teresa. Studierte Medienmanagerin und leidenschaftliche Redakteurin. Meine Modeaffinität hat mich aber auch zwischenzeitlich mal die Branche wechseln lassen und so war ich zuletzt als Shopmanagerin bei Inditex tätig. Aktuell lebe ich aber ganz nach dem Motto: „Mein Alltag ist ihre Kindheit“. Ich versuche jeden Tag zu einem kleinen Abenteuer für uns zu machen. Mit einem tollen Mann an meiner Seite, einer wundervollen Tochter, die im Mai 2017 zur großen Schwester upgegradet wird, gestalten wir unseren Alltag so bunt wie möglich. So reisen wir gerne, ob durch Asien oder Europa. Und versuchen einfach immer wieder unseren persönlichen Interessen treu zu bleiben und sie gemeinsam auch zukünftig mit unseren Kindern zu vereinbaren. Kinder machen unser Leben nämlich nur noch lebenswerter: wir müssen es nur zulassen.